In der heutigen Zeit erfreuen sich alternative Heilmethoden, zu denen auch die Akupunktur gehört, immer größerer Beliebtheit. Vielfach werden sie als gesünder, unschädlicher, ungiftiger oder naturnäher angesehen als die bewährten Methoden der sogenannten Schulmedizin. Abgesehen von der Pflanzenheilkunde ist es nahezu allen dieser Verfahren gemein, dass es bis heute kaum Beweise für ihre Wirksamkeit gibt. Dies führt bisweilen zu verhärteten Auseinandersetzungen zwischen ihren Verfechtern einerseits und den ihnen gegenüber kritisch eingestellten Wissenschaftlern andererseits. Die Argumente sprechen deutlich für eine kritische Einstellung: fehlende Wirksamkeitsnachweise, teilweise mysteriöse und wissenschaftlich fragliche Erklärungsansätze, Assoziationen zu anderen „Parawissenschaften“ wie Astrologie bis hin zur Behauptung, sich als Erfahrungswissenschaft nicht beweisen zu müssen.

Dennoch – auch wenn man in diesem Bereich der Heilkunde wohl viel Scharlatanerie und Humbug antreffen wird – lohnt sich doch die Beschäftigung mit dem Thema. Die Entwicklung der heutigen Medizin begann vor einigen Jahrhunderten genau mit dem, worauf sich heutige alternative Heilmethoden berufen: mit Erfahrungen und Beobachtungen. Auch heute noch existieren Methoden, die man schon vor langer Zeit anwendete. Ein Beispiel ist der Aderlass, wenngleich er nur noch in wenigen Situationen angewendet wird, und auch vor einem etwas anderen Hintergrund. Die Anwendung vieler Medikamente hat ihren Ursprung in einer Erfahrung, beispielsweise die Wirkung trizyklischer Antidepressiva oder auch von Viagra, welche gar nicht als die Medikamente geplant waren, als die sie heute eingesetzt werden. Auch die Wirkung vieler Pflanzen auf den menschlichen Organismus diente der Entwicklung von Pharmaka, indem einige ihrer Inhaltsstoffe extrahiert bzw. chemisch verändert wurden. Nur selten ist der Fortschritt in der Medizin alleiniges Ergebnis einer theoretischen Überlegung, wie es in der Physik oder Chemie oft der Fall ist, nach dem Motto: Wenn ich dies hier verändere, wird der Körper so und so reagieren. Erfahrungen haben in Biowissenschaften, wie die Medizin eine ist, einen hohen Stellenwert. Deshalb lohnt es sich, sie zu machen und auch zu verbreiten.

Dabei darf es allerdings nicht bleiben. Wenn eine Methode eine Wirkung in der Mehrzahl der Bevölkerung oder in einem bestimmten Patientenkollektiv hat, dann muss sich diese auch beweisen lassen, sonst bleibt sie eine Einzelerfahrung, ein Fallbericht, nichts weiter! Und dies kann nur geschehen durch wissenschaftliche Studien. Ein bewährtes Mittel hierfür ist der sogenannte Doppelblindversuch mit Placebokontrolle, ein Verfahren, bei dem weder Arzt noch Patient wissen, ob der Patient das echte Medikament oder nur einen Placebo (ein Scheinmedikament) erhalten. Dies garantiert die bestmögliche Minimierung von Fehlern.

Wie aber will man so etwas bei einem alternativen Verfahren wie der Akupunktur durchführen? Dass der Patient nicht weiß, ob die Nadeln an der richtigen Stelle sitzen oder nicht, dass lässt sich sicher machen. Aber der Arzt? Er müsste sich ja quasi selbst reinlegen! Manche behaupten deshalb, die Akupunktur ließe sich nicht doppelt verblinden. Ich sage: Es geht trotzdem, und zwar wenn der behandelnde Arzt (der die Nadeln setzt) und der untersuchende Arzt (der das Patientengespräch über die Wirkungen führt) zwei verschiedene Personen sind. Natürlich dürfen sie sich nicht verständigen darüber, ob die Placebo-Akupunktur oder die echte angewendet wurde. Ich kann mir ja kaum vorstellen, dass ich der Erste sein soll, der auf diese Idee kommt. Jedenfalls, Akupunktur lässt sich also doch doppelt verblinden, und das wäre doch jetzt ein Ansatz, den man mal verfolgen könnte, damit endlich Licht ins Dunkel kommt. Muss sich nur noch jemand finden, der das mal untersucht!