Hintergrund:

Viele ADHS-Patienten klagen über Schlafstörungen unterschiedlicher Art. Darunter scheint das Schlafphasenverzögerungssyndrom (Delayed Sleep Phase Syndrome, DSPS) weit verbreitet zu sein. Es handelt sich dabei um das Phänomen, dass der physiologische Tag-Nacht-Rhythmus (zirkadianer Rhythmus) um einige Stunden nach hinten verschoben ist. Betroffene werden abends nicht zu den üblichen Zeiten müde, sondern erreichen erst tief in der Nacht – manchmal sogar erst am frühen Morgen – die nötige “Bettschwere”, um einschlafen zu können. Im Gegenzug dazu fällt es ihnen enorm schwer, zu den allseits üblichen Zeiten morgens aufzustehen, nach ihrem Rhythmus würden sie erst im Laufe des Vormittags – manchmal erst am Nachmittag – aus dem Bett aufstehen.

Meines Wissens existieren derzeit keine Untersuchungen über die Prävalenz dieser Erkrankung bei ADHSlern. Deshalb startete ich in einem ADHS-Forum eine Umfrage über die Häufigkeit und die Ausprägung einer  solchen Rhythmusverschiebung bei ADHS-Betroffenen. Mit aktuell 31 Teilnehmern (Stand: 23.09.2008 13:50 Uhr)  erhebt diese Umfrage natürlich keinen Anspruch auf Repräsentativität. Auch bleibt unklar, wie viele ADHSler, die ihren Tag-Nacht-Rhythmus als normal beschreiben würden, sich überhaupt an der Umfrage beteiligten. Dennoch ist es verblüffend, dass lediglich zwei Befragte (!) ihren Rhythmus für normal hielten. Der größte Teil (nämlich 26 Befragte; 83,9%) gab eine Rhythmusverschiebung nach hinten an, während 4 Personen sagten, ihr Tag-Nacht-Rhythmus beträge mehr als 24 Stunden. In der Mehrzahl (65,6%) lag die Verzögerung zwischen drei und sechs Stunden. DSPS scheint also eine häufige Komorbidität des ADHS zu sein, hierzu sollte auf jeden Fall weitere Forschung betrieben werden.

Der ADHS-Spezialist Dr. Martin Winkler schreibt zu diesem Thema:

“Dies hat u. a. auch mit der Produktion und Verfügbarkeit des für den Schlaf wichtigen Melatonin zu tun. Melatonin ist quasi das körpereigene “Schlafsignal”. Man vermutet, dass bei ADHS-Klienten dieses Signal entweder nicht ausreichend oder aber zum falschen Zeitpunkt (spät in der Nacht) ausgeschüttet wird.”

Bei Melatonin handelt es sich um das körpereigene Schlafhormon. Es wird bei Gesunden in Abhängigkeit von der Lichteinstrahlung vorwiegend während der Nacht in die Blutbahn ausgeschüttet und erhöht die Wahrscheinlichkeit einzuschlafen. Somit trägt es zur Synchronisation von Körperfunktionen mit dem von der Natur vorgegebenen Tag-Nacht-Rhythmus bei. Eine verzögerte Ausschüttung von Melatonin könnte also ein Hinweis, möglicherweise sogar die Ursache für ein Schlafphasenverzögerungssyndrom bei ADHS-Patienten sein. Der Melatoninspiegel im Blut lässt sich nur sehr umständlich bestimmen, da es in der Blutprobe (ohne Kühlung) schnell abgebaut wird. Zudem wären wiederholte Blutentnahmen über 24 Stunden nötig, um ein DSPS zu diagnostizieren. Eine Analyse des Melatoninspiegels im Speichel ist möglich, jedoch ungenauer als die des Blutspiegels.

Die Frage, die sich nun aufdrängt, ist: Kann man etwas gegen DSPS tun? Hierzu schreibt Dr. Winkler folgendes (selbige Quelle):

“Bei dieser Form von Schlafstörungen kann eine gezielte Behandlung am Abend mit Melatonin angezeigt sein.”

Melatonin ist rezeptpflichtig und kann von der Apotheke z. B. in Form von Kapseln hergestellt werden. In den USA gilt es als Nahrungsergänzungsmittel und ist dort frei verkäuflich.  Die übliche Dosis beträgt zwischen 2 und 5 mg. Meines Wissens kann man sie auf bis zu 10 mg steigern. Jedoch ist zu bedenken, dass eine merkliche Wirkung auch erst nach einigen Wochen eintreten kann. Es sollte möglichst immer zur gleichen Zeit eingenommen werden, und man sollte innerhalb einer Stunde nach Einnahme auch zu Bett gehen. Melatonin soll neben weiteren Effekten auch die Schlafqualität verbessern.

Mit Circadin gibt es seit kurzer Zeit das erste Melatonin-Fertigpräparat in Deutschland, das allerdings nur für Patienten ab 55 Jahren mit primärer Insomnie zugelassen ist. Eine Anwendung bei ADHS wäre also nur im Rahmen eines Off-Label-Use möglich. Das Besondere daran ist, dass es den Wirkstoff kontinuierlich über die Nacht verteilt freisetzt und somit die physiologische Freisetzung des Organismus imitiert. Anders ist dies bei den von Apotheken hergestellten Kapseln, die keine retardierte Freisetzung ermöglichen. Mit seiner Halbwertszeit zwischen 30 und 50 Minuten ist das Melatonin deshalb nach kurzer Zeit wieder abgebaut.

Meine eigenen Erfahrungen:

Da ich wahrscheinlich ebenfalls von einem Schlafphasenverzögerungssyndrom betroffen bin, habe ich Melatonin ausprobiert. Zunächst versuchte ich es mit 2 mg am Abend. Daraufhin hatte ich nicht das Gefühl, besser geschlafen zu haben. Der Schlaf war fast unverändert, eventuell sogar etwas schlechter.

Deshalb versuchte ich es nach einiger Zeit mit 5 mg. Dabei fühlte ich mich kurz nach der Einnahme sogar etwas munterer als zuvor, vielleicht eine paradoxe Medikamentenwirkung (die bei ADHS ja relativ häufig auftreten kann). Ich wachte im Vergleich zu sonst viel früher am Morgen auf, endlich einmal zu einer “normalen” Zeit. Allerdings war ich den ganzen Tag mehr müde als sonst und hatte das Gefühl, die ADHS-Symptome haben sich etwas verstärkt.

Ich steigerte die Dosis über ein paar Tage bis auf 10 mg. Das war eindeutig zu viel! Die Schlafqualität war schlechter als zuvor. Und ich fühlte mich ein wenig wie von der Außenwelt abgeschottet. Ich war den Tag lang sehr benommen und hatte stärkere ADHS-Symptome als sonst.

Deshalb ließ ich das Melatonin für eine Weile bleiben. Als dann das Circadin aufkam, vereinbarte ich mit meinem Arzt noch einmal einen Versuch damit. Circadin enthält 2 mg und setzt das Melatonin während der gesamten Nacht frei (siehe oben). Dieser Versuch ging vollends in die Hose! Der Schlaf war so schlecht wie lange nicht mehr. Aufgrund dessen war für mich der nächste Tag komplett gelaufen, weil ich mich kaum aufrecht halten konnte. Die kontinuierliche Freisetzung war also absolut nichts für mich!

Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass ich neben der Rhythmusverschiebung auch unter einer generell schlechten Schlafqualität leide (primäre Insomnie), die bis zu diesem Zeitpunkt durch die Melatonin-Versuche zusätzlich verschlechtert wurde. Jemand anderes würde möglicherweise nicht so drastisch oder sogar positiv darauf reagieren.

Zunächst wollte ich das Melatonin also gänzlich sein lassen. Da mir aber das verspätete Einschlafen und das Nicht-aus-dem-Bett-kommen-wollen immer wieder zu schaffen machten, unternahm ich noch einen letzten Versuch mit einer sehr niedrigen Dosis. Ich öffnete eine Melatonin-Kapsel und entnahm nur einen geringen Teil, der etwa 0,5 mg entsprach. Am nächsten Morgen wachte ich wieder zu einer “normalen” Zeit auf (etwa 7.30 Uhr). Die Müdigkeit am Tage hielt sich in Grenzen, und die ADHS-Symptome waren so gut wie unverändert. Diese Dosis hielt ich bis heute bei und komme relativ gut damit zurecht. Mit Melatonin hat sich meine Einschlafphase verkürzt. Ich nehme das Melatonin 23 Uhr und gehe (fast immer) innerhalb einer Stunde danach zu Bett. Vor allem schlafe ich dann auch ein, was mir sonst immer wieder schwer fiel.

Mein Fazit:

  • Melatonin ist nicht nebenwirkungsfrei (hätte ich auch nicht erwartet)
  • Wie bei allen Medikamenten kommt es auf die richtige Dosis an
  • Man sollte aus meiner Sicht mit niedrigen Dosen beginnen
  • Ein Effekt ist erst nach längerer Einnahme zu erzielen
  • Man muss sich an die regelmäßige Einnahme zur gleichen Zeit halten
  • Es kann ein Schlafphasenverzögerungssyndrom bekämpfen (früheres Erwachen zu den üblichen Zeiten, kürzere Einschlafphase), ist aber kein Allheil- oder Wundermittel
  • Die Anwendung sollte natürlich in Abstimmung mit einem Arzt (bestenfalls einem Facharzt für Neurologie oder Psychiatrie) erfolgen

 

 

 

P. S.: Die hier getroffenen Aussagen beruhen zum größten Teil auf Erkenntnissen aus dem Selbststudium oder aus Gesprächen mit Ärzten. Ich bin dabei auf die Korrektheit der Aussagen bedacht. Dennoch kann und soll dieser Artikel die Konsultation eines Arztes und die Inanspruchnahme seiner Beratung nicht ersetzen. Es bleibt die Pflicht des Lesers, die hier getroffenen Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen oder von einem Spezialisten überprüfen zu lassen. Sollte es wider meiner Absicht zu Falschaussagen oder ungenauen Darstellungen von Fakten gekommen sein, so bitte ich um entsprechende Hinweise im Kommentar.

 

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