Gerade eben lief im WDR die Sendung „Quarks Co.“ mit Ranga Yogeshwar. Es ging um AD(H)S. Und um ehrlich zu sein, regt mich diese Sendung ein wenig auf. Denn das, womit ADHSler und ihre Ärzte ständig zu kämpfen haben, wurde hier mal wieder durch die Medien gefördert: ein verzerrtes Bild dieser Thematik mit der Bedienung von Klischees. Um fair zu bleiben: Die Kontroverse in der Diskussion um die Ursachen und die medikamentöse Therapie bei ADHS wurde durchaus von mehreren Seiten beleuchtet. Es kamen Psychologen zu Wort, genauso wie Betroffene, Vertreter der Pharma-Industrie und Ärzte.
Dennoch wurde aus meiner Sicht die Kritik an den neurobiologischen Ursachen für ADHS und an den Medikamenten überbetont, ebenso die psychoanalytische Sichtweise zu den Ursachen, was mich sehr enttäuscht.
Ich kann verstehen, dass es für die meisten Menschen befremdlich erscheint, Kindern Medikamente zu geben, erst recht, wenn es sich um Psychopharmaka handelt. Aber dennoch muss man hier nun mal der Wahrheit ins Gesicht sehen und akzeptieren, dass bei vielen Kindern kein Weg daran vorbei führt. Den Kopf in den Sand stecken und das Problem nur zu bereden und einen Konflikt irgendwo hinein zu deuten, wo keiner ist, sondern erst noch einer entsteht, wenn man nicht bald was macht (Stichwort Psychoanalyse), bringt nichts! Man hilft keinem ADHS-Kind, wenn man eine Pharmakotherapie kategorisch ausschließt! Das will ich hier noch einmal betonen, auch wenn das so in der Sendung nicht propagiert wurde.
Ich hatte eigentlich immer eine positive Meinung zu Ranga Yogeshwar, aber dass er hier dazu beiträgt, ein recht verzerrtes Bild von ADHS zu vermitteln, überrascht mich. Recht aussagekräftig für die Sendung auch sein Schlusswort:
Vielleicht sind nicht unsere Kinder krank, sondern eher unsere Gesellschaft. Und ADHS ist ein Ausdruck dafür.
Das hat er aber schön gesagt. Wie kann man einerseits in der Sendung die Wirkung der Medikamente im Gehirn erklären (mit Dopamintransportern und Synapsen etc.) und gleichzeitig mit diesen Worten schließen, die ja gleich das ganze Störungsbild infrage stellen? Das ist für mich ein klarer Widerspruch. Die Medikation mit Methylphenidat setzt so kausal an, wie es nur irgend geht. Nach heutigem Forschungsstand ist bei den meisten ADHSlern eine zu hohe Dichte sog. Dopamintransporter in einem bestimmten Gehirnbereich namens Striatum vorhanden und trägt erheblich zur Symptomatik bei. Methylphenidat greift genau dort ein, indem es die Anzahl der Dopamintransporter wieder auf ein Normalmaß senkt. Und wer sich mit Biologie ein wenig auskennt, der kann sich denken, dass das durch keine Psychotherapie allein bewirkt werden kann. Andernfalls möchte ich gern die Studie lesen, die genau das belegt.
Während die einen also immer noch mit der (Para-)Wissenschaft der Deutung beschäftigt sind, behandelt die Medizin auf der Basis reproduzierbarer(!) Studienergebnisse die Ursachen, soweit das heutzutage möglich ist.
Nachtrag:
Nachfolgend die Links zur Sendung auf YouTube: Teil 1 2 3 4 5
28. Januar 2009 at 0:20
[...] Heute: Der WDR mit Quarks & Co! [...]
28. Januar 2009 at 0:32
Hi Tigger,
war das nicht eine Wiederholung? Kam Anfang letzten Jahres schon, ein relativ einseitiges Anti-Pharma-Geplänkel, jedenfalls auf den 2.Blick. Schlecht und bei den falschen Stellen (u.a. ADHS-Leugner) recherchiert und kein Ruhmesblatt für Yogeshwar. Skandalös ist allerdings, daß dieser Mist auch noch wiederholt wird.
28. Januar 2009 at 1:15
Ja, das war eine Wiederholung. Ich habe es mir angeschaut, weil ich dachte, sie haben vielleicht nach den Reaktionen einiger Zuschauer etwas geändert (die erste Sendung habe ich mir im Netz schon mal angeschaut). Aber es scheint exakt die gleiche Sendung gewesen zu sein.
28. Januar 2009 at 9:05
Schade, ich habe den Yogeshwar bis jetzt immer sehr geschätzt, als Wissenschaftsjournalist. Und das Schlusswort bedarf wohl echt keines Kommentars. Da steigt mir die Zornesröte ins Gesicht!
28. Januar 2009 at 10:31
was soll ich davon halten, daß ich als erwachsener trotz therapien nie auf ad(h)s getestet wurde? als ich gerade gestern das thema in der th-gruppe anschnitt, wurde für mich adhs entgegen meiner vermutung eher bestätigt. sollte ich da nicht aufgeklärt werden? sähe eine behandlung dann nicht anders aus?
28. Januar 2009 at 15:38
Das Problem ist, dass es erst in den letzten Jahren bekannt geworden ist, dass ADHS auch bei Erwachsenen vorhanden sein kann. Bis dahin dachte man, dass sich ADHS mit dem Erwachsenwerden „auswächst“. Tatsächlich trifft das aber nur bei etwa einem Drittel der ADHS-Kinder zu.
Da diese Erkenntnis noch relativ jung ist, wissen viele Erwachsenen-Psychiater und -Psychotherapeuten noch nichts davon. Wahrscheinlich wurde ADHS bei Ihnen deswegen einfach gar nicht als mögliche Diagnose in Betracht gezogen.
Die Behandlung sieht tatsächlich anders aus als bei anderen Störungen. Unter den „Links zum Thema ADHS“ auf meinem Blog findet man weiterführende Links. „ADD-Online“ ist z. B. sehr zu empfehlen.
Sollten Sie vorhaben, eine ADHS-Diagnostik durchführen zu lassen, sollten Sie am besten zu einem Facharzt für Neurologie oder Psychiatrie gehen, der sich auch mit ADHS im Erwachsenenalter auskennt.
28. Januar 2009 at 20:48
Ich habe die Sendung nicht gesehen. Möchte aber auf das Zitat eingehen: Unsere Gesellschaft ist ganz bestimmt nicht in Takt, was den Umgang mit ADHS & Co. betrifft, das zeigt sich schon an der verkorksten Normalitäts-Debatte. Aber das das ADHS ein Ausdruck dafür sein soll ist doch wirklich ganz großer Thesen-Mist! Da hatte wohl eher das Drehbuch Stress …
28. Januar 2009 at 20:53
es gibt eine ähnlichklingende ansicht, daß leute, die fett gut speichern können, besser in hungerzeiten zurechtkommen. dagegen sind die schmaleren jetzt im vorteil….
egal, am ende muß den menschen geholfen werden!
29. Januar 2009 at 1:00
Es soll ja Leute geben, die die Sendung „ausgewogen“ fanden:
http://www.digitalfernsehen.de/news/news_druck_627223.html
Aus diesem Text:
„…Als vermeintliche Lösung erscheine dann oft der Griff zur Chemie…“
Allein diese Formulierung ist suggestiv, in vielen (NICHT allen) „erscheint“ der Griff zum Medikament nicht als die Lösung, es IST sie, schlichtweg.
29. Januar 2009 at 1:01
Ich denke auch, es ist niemandem geholfen, wenn man ADHS als eine Variante der „Norm“ hinstellt. Und es muss irgend etwas nicht stimmen, wenn jemand gewissermaßen unter sich selbst leidet, z. B. weil er sich immer wieder selbst ein Bein stellt o. ä. Das ist nicht „normal“.
29. Januar 2009 at 1:10
>>“Quarks & Co“-Moderator Ranga Yogeshwar sieht das Problem „Zappelphilipp“ als „Ausdruck einer gesellschaftlichen Schieflage“.<<
Ich versteh’s einfach nicht. Yogeshwar hat in der Sendung noch die Wirkungsweise von MPH erklärt. MPH kann bei Nichtbetroffenen und Nonrespondern erst ADHS-ähnliche Symptome erzeugen. Er ist Naturwissenschaftler, soweit ich weiß. Wie passt das zusammen?
29. Januar 2009 at 1:15
Und zum Thema Chemie: Ohne die böse Chemie würde wohl kaum ein Rentner heute 70 oder 80 werden. Es sind ja keine Pestizide, die man da zu sich nimmt, sondern Medikamente gegen ein Leiden!
Der Hartmannbund als Ärzteverband hätte die Sendung nach meiner Meinung nicht auszeichnen dürfen.
29. Januar 2009 at 1:40
Der Hartmannbund vertritt nach eigenen Angaben die Interessen der Ärzte, nicht der Patienten! Das muß man schon berücksichtigen. Und an ADHSlern, das wissen wir, ist nicht viel zu verdienen. Insofern ist ein Preis des Hartmannbundes nicht überzubewerten. Übrigens ist das Teil auch überhaupt nicht dotiert ^^.
29. Januar 2009 at 17:45
Das mag sein, aber die Aufgabe der Ärzte ist doch das Patientenwohl. Und für’s Geldverdienen ist es relativ egal, was der Patient hat, wenn es sich nicht gerade um einen Privatpatienten handelt. Das heißt, das Interesse des Patienten steht auch für den Arzt im Vordergrund (schwarze Schafe gibt’s natürlich immer). Von daher hätte ich einfach eine medizinischere bzw. wissenschaftlichere Bewertung der Sendung durch den Hartmannbund erwartet.
18. August 2009 at 22:07
8 Monate weiter und immer noch die selbe Sendung!? Ich hatte gehofft das sich da mal was verändert bzw aktualisiert Beschrieben wird das man gerade den betroffenen Kindern eine Erlebniswelt vorenthält, in dem man es ablehnt die Medikamente überhaupt anzuwenden! Das nur geringe Anzahl von Kindern mit veränderten Leberwerten aufgrund einer Unverträglichkeit reagiert und beim absetzen der Medikamente sich die Leber ganz schnell wieder regeneriert…
Ansonsten sind bisher keine Langzeitfolgeschäden bekannt und die positiven Erfolge überwiegen die bedenken meiner Meinung nach allemal…
lg ich