ADHS


Die mediale Berichterstattung über ADHS ist nicht immer ausgewogen und fachlich korrekt. Ich schrieb schon einmal über eine derartige Sendung der Reihe „Quarks & Co.“.

Eine kürzlich auf EinsPlus gesendete Talkshow, die sich mit dem Thema ADHS speziell bei Erwachsenen befasst, kann ich allerdings nur empfehlen. Sehr sachlich wurde über die Probleme, aber auch die positiven Seiten von ADHS berichtet, mit denen sich Betroffene und ihre Angehörigen auseinandersetzen müssen.

HIER der Link zum ersten Teil auf YouTube. Danach einfach durch die weiteren Teile hindurchklicken!

Und hier die in der Sendung erwähnten Webseiten:

ADD Online

ADS bei Erwachsenen

Durch meine eigene Betroffenheit bin ich natürlich inzwischen relativ gut informiert über das Thema ADHS. Und so passiert es mir recht häufig, dass ich Menschen begegne, bei denen ich ebenfalls ADHS vermute. Zum Beispiel gab es während eines Praktikums im Krankenhaus einen Arzt, der deutlich hyperaktiv war, sehr schnell einen gestressten Eindruck machte und mit vielen seiner Mitmenschen aneinander geriet, weil er hinter vielen Aussagen schnell Kritik vermutete und auf diese vermeintliche Kritik impulsiv reagierte. Oder auch wenn ich an manche ehemaligen Mitschüler oder Kommilitonen denke, dann könnte ich bei dem einen oder anderen ebenfalls ein ADHS vermuten.

Das Problem dabei ist, dass diese Menschen meistens nichts über ADHS wissen oder aber gar nicht auf die Idee kommen, dass es sie selbst betreffen könnte, weil sie ADHS für eine Störung halten, die nur bei Kindern vorkommt. Oftmals sind sie sich auch nicht aller ihrer Probleme bewusst, geschweige denn, dass sie sich vorstellen könnten, dass es Hilfe für ihre Schwierigkeiten gäbe. Und vor allem bei den „Hypoaktiven“ kommt keiner auf die Idee, dass irgendwas mit ihnen nicht stimmt, weil ihre Beeinträchtigungen kaum jemandem auffallen.

ADHS ist häufig, und deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich meine Vermutungen bewahrheiten würden, sollten sich diese Personen einer Diagnostik unterziehen. Schon die Beschäftigung mit dem Störungsbild an sich kann Erleichterung schaffen. Sollte eine Therapie angezeigt sein, könnten sie erheblich von einer fundierten Diagnose profitieren.

Und genau dieses Wissen führt mich in ein kleines Dilemma: Denn ich kann nicht einfach zu jemandem hingehen und sagen: „Hey, ich glaube, Du hast ADHS!“. Das würde ihn vor den Kopf stoßen. Einerseits möchte ich den potentiellen ADHSlern helfen, andererseits möchte ich niemandem zu nahe treten oder ihn verprellen. Da ADHSler bekanntermaßen sehr empfindlich sein können oder solche gut gemeinten Hinweise schnell mal in den falschen Hals bekommen, ist es nicht leicht, die richtigen Worte/den richtigen Zeitpunkt zu finden. Und wenn man dann noch mit demjenigen weiterhin zusammenarbeiten muss, kann so etwas das Arbeitsklima erheblich belasten.

Wie also macht man es richtig? Ich gebe zu, darauf habe ich noch keine Antwort gefunden. Deshalb habe ich bis jetzt auch noch niemanden auf sein mögliches ADHS angesprochen.

Dr. med. Eckart von Hirschhausen, ein Kollege sozusagen, hat ADHS! Auf Stern.de schreibt er:

Heute keine Kolumne. Sondern ein Bekennerbrief zur Aufmerksam-keitsstörung – Attention deficit disorder. Nicht verbunden mit Hyperaktivität, nur im Kopf. Ich hab das. In milder Form. Und ich lebe sehr gut damit.

Ich finde es gut, wenn sich öffentlich präsente Personen dazu bekennen, denn dadurch begreift die Öffentlichkeit, dass ADHS weit verbreitet ist, dass man es aber trotzdem zu etwas bringen kann. Hirschhausen ist da das perfekte Beispiel, wie ich finde. Und sein „Bekenntnis“ (klingt schon fast nach einem Verbrechen o. ä.)  macht ihn mir gleich noch sympathischer. Da sag ich doch einfach mal:

Verpeilte Grüße!

Wetterfühligkeit ist zwar keine Erkrankung, aber dennoch weit verbreitet. Es gibt sogar einen Fachbegriff dafür: Meteoropathie. Ich habe bei mir und auch bei Personen meiner Familie und Freunden beobachtet, dass gerade bei Luftdruckschwankungen Beschwerden wie bleierne Müdigkeit, Antriebs- und Konzentrationsstörungen auftreten/sich verstärken können. Symptome, die bei Anderen nicht in dieser Häufigkeit und unabhängig vom Wetter auftreten (wenn überhaupt). Ich glaube, dass diese erhöhte Anfälligkeit für einen Wetterwechsel bei ADHSlern häufiger auftritt, vielleicht aufgrund einer generell veränderten Körperwahrnehmung. Bis jetzt hab ich noch nichts zu diesem Thema im Netz gefunden.

Da ich aktuell nicht so viel Zeit habe, nur ein verlinkter Artikel zum leidigen Thema „ADHS und Schlaf“:

Montréal – Kinder mit dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) haben offenbar einen weniger erholsamen Schlaf als andere. Dies zeigt eine Untersuchung in Sleep (2009; 32: 343-350).
[...]
Mit einem portablen Polysomnografen konnten Reut Gruber und Mitarbeiter von der McGill Universität in Montréal erstmals Kinder mit ADHS in ihrem heimischen Schlafzimmer untersuchen. Dabei stellten sie fest, dass die Kinder einen kürzeren und weniger erholsamen Schlaf haben.

HIER weiterlesen!

Mich betrifft dieses Problem ebenfalls. Hier habe ich z. B. schon mal über meine Erfahrungen mit Melatonin berichtet. Nicht erholsamer Schlaf (mein  Schlafproblem) kann eine wirkliche Plage sein und einem den ganzen Tag vermiesen. Natürlich wirkt sich die schlechte Schlafqualität auch auf ADHS-Symptome aus, die dadurch verschlechtert werden.

Dass es einen Zusammenhang zwischen ADHS und verschiedenen Schlafstörungen gibt, habe nicht nur ich schon länger vermutet. Dennoch scheint man noch nicht genug über die Ursachen zu wissen, um kausal daran anzusetzen. Deshalb freut es mich, dass sich diese Studie dem Thema gewidmet hat. Der Nachweis eines Zusammenhangs ist ja meistens der Anfang bei der Suche nach seinen Ursachen.

Angeregt durch sunny’s letzten Artikel möchte ich mich heute dem Thema Epigenetik widmen. Die Epigenetik ist ein junges wissenschaftliches Fach, und dennoch schon sehr umstritten. Das liegt daran, dass in ihr ein gewisses Konfliktpotential liegt, da ihre Erkenntisse möglicherweise ein Umdenken in Naturwissenschaften bedeuten könnten. Nicht zuletzt wird sie von einigen Wissenschaftlern quasi als „Totschlagargument“ genutzt, um nur wenig bis gar nicht überprüfbare Theorien zu begründen. Allen voran Psychoanalytiker, und hier vor allem auch ADHS-Gegner. Ich möchte hier einmal darstellen, warum die Bedeutung der Epigenetik – zumindest hinsichtlich psychischer Störungen – in meinen Augen überschätzt wird. Dass zu diesem Thema einiges gesagt werden muss, halte ich für dringend nötig. Typische Behauptung einiger Psychoanalytiker: Psychische Erkrankungen (wie eben auch ADHS) seien nur die Folge (vererbter) Traumata.

Zunächst einmal: Was bedeutet Epigenetik überhaupt? Hier möchte ich den Wikipedia-Artikel zitieren:

Die Epigenetik beschäftigt sich mit der epigenetischen Vererbung, d. h. der Weitergabe von Eigenschaften auf die Nachkommen-Organismen oder Nachkommen-Zellen, die nicht auf Abweichungen in der DNA-Sequenz zurück gehen, sondern auf eine vererbbare Änderung der Genregulation und Genexpression.

In der Epigenetik werden die molekularen Mechanismen erforscht, welche regeln, ob ein Gen gerade „angeschaltet“ oder „ausgeschaltet“ ist. Das heißt, ob ein Gen abgelesen wird, und zur Bildung von Eiweißen führt, die in der Zelle vorhanden sind, oder nicht. Jede Körperzelle eines Menschen besitzt dasselbe Erbgut. Da es aber unterschiedliche Zelltypen (z. B. Hautzelle, Muskelzelle, Nervenzelle etc.) gibt, werden immer nur bestimmte DNA-Abschnitte für die Funktion der Zelle benötigt, während die anderen ruhen. Der epigenetische Apparat regelt, wann welches Gen aktiv wird³.

„Nutznießer“ der Epigenetik behaupten, dass über diese Mechanismen ein Einfluss der Umwelt auf die Gene stattfindet und so das Erbgut verändert wird. Nach dem Motto: Die Giraffe hat einen langen Hals, damit sie  besser an die Blätter von Bäumen kommen kann. So eine Aussage entspräche der Lamarckschen Theorie über die Evolution. Sie steht konträr zur Darwinschen Evolutionstheorie, nach der sich – um bei diesem Beispiel zu bleiben – der lange Hals von Giraffen durch Mutation und natürliche Auslese entwickelte, weil Giraffen mit längeren Hälsen bessere Chancen hatten als ihre Artgenossen, an Nahrung zu gelangen, und sich damit ihre Überlebenschancen erhöhten, so dass sie ihre Gene häufiger verbreiten konnten.

Tatsächlich wurde nachgewiesen, dass z. B. die Kinder von Müttern, welche in der Schwangerschaft eine Hungerperiode erlebten mussten, kleinere Kinder bekamen als normal, und auch deren Kinder wieder kleiner waren¹. Nun stellt sich die Frage: Ist dies eine Veränderung des Erbgutes? Das kommt darauf an, was man unter dem Begriff Erbgut versteht. Wenn er den epigenetischen Apparat mit einschließt, dann könnte man sagen ja. Wenn man darunter nur die DNA, also den genetischen Code, versteht, dann müsste man sagen nein. Denn was sich ändert, ist nur der epigenetische Apparat, also die Information, dass wachstumsförderliche Gene weniger aktiv werden. Diese Information scheint in manchen Fällen mit vererbt zu werden. Das stellt allerdings keine Veränderung des genetischen Codes, also der DNA, dar. Es werden nur schon vorhandene Gene an- bzw. abgeschaltet und dieser Status (Gen ist an bzw. Gen ist aus) mit vererbt! Evolutionär gesehen konnte das durchaus in unserem Beispiel einen Vorteil gebracht haben (geringerer Nahrungsbedarf kleinerer Menschen in einem Gebiet/einer Zeit mit geringen Nahrungsmittelreserven).

Nun wird jedoch oftmals behauptet, auf genau die gleiche Weise könnten psychische Traumata das Erbgut verändern und somit das Trauma mit seinen negativen Folgen auf die nachfolgende Generation vererbt werden. Das Kind einer Mutter (bzw. eines Vaters), die in ihrem Leben ein psychisches Trauma erlebt hat (z. B. in Kriegszeiten), würde demnach an den Folgen des Traumas der Mutter leiden. Psychische Erkrankungen (wie ADHS) werden dann gerne auf eine in früheren Generationen erworbene Traumaerfahrung zurückgeführt. Diese Theorie hat allerdings logische Fehler, wie ich im Folgenden darstellen werde.

Zum einen müsste die Information einer psychischen Traumatisierung vom Gehirn der traumatisierten Person zunächst in die Keimzellen (Ei- oder Samenzellen) gelangen, denn das Kind bekommt nur über diese das Erbgut der Eltern. Eine solche Übertragung einer Information ist aber nur schwer vorstellbar. Sie könnte nur auf dem hormonellen Wege erfolgen, da es keine Nervenverbindungen zwischen Gehirn und Keimzellen gibt. Für so einen Mechanismus wurde noch kein eigenes Hormon entdeckt. Denkbar wäre allenfalls das Stresshormon Cortisol. Dieses könnte aber – wenn überhaupt – nur eine unspezifische Veränderung in Keimzellen hervorrufen, da es dem Körper die Information übermittelt, dass eine Stresssituation vorliegt, nicht  aber um welche Art von Stress es sich handelt. Eine Veranlagung zu einer spezifischen Symptomatik im Sinne einer Traumareaktion ließe sich aber hormonell nicht machen. Warum ein Kind gerade ADHS bekommt, während sich das andere nur immer „heimatlos fühlt“², wäre dadurch nicht erklärbar. Jede Spezifität eines Traumas ginge verloren. Und somit könnte es wiederum Stress jeglicher Art gewesen sein, der eine solche Reaktion hervorgerufen hat. Das psychische Trauma müsste also nicht mal der Auslöser sein. Zudem lässt sich hier auch nachvollziehen, dass selbst epigenetische Veränderungen im Gehirn (die es ja durchaus geben kann) kein Beweis für eine Vererbung dieser auf die Nachfolgegeneration sind.

Außerdem muss man sich überlegen, dass ein solcher Regulationsmechanismus einen evolutionären Vorteil dargestellt haben müsste, ansonsten hätte er sich nicht entwickelt. Ein evolutionärer Vorteil psychischer Erkrankungen erscheint jedoch ebenfalls zweifelhaft.

Bei Samenzellen kommt hinzu, dass sie durch die sog. Blut-Hoden-Schranke vom Blutkreislauf isoliert sind. Sie werden nur durch „Ammenzellen“ ernährt, die kontrollieren, welche Substanzen zu ihnen überhaupt vordringen. Hormone dürften die Samenzellen eigentlich gar nicht erreichen.

Die rund 500 Eizellen einer Frau haben auch eine Besonderheit. Sie werden schon vor der Geburt angelegt und verharren in ein und demselben Zustand, bis sie mit dem Eisprung in die Gebärmutter wandern. Die Traumatisierung müsste also das Erbgut der Mutter nachträglich verändern, da sie ja schon voll entwickelt sind. Auf DNA-Ebene ist das nicht möglich. Eine epigenetische nachträgliche Veränderung erscheint aus den oben genannten Gründen eher abwegig.

Meine Betrachtung ist natürlich nicht in Stein gemeißelt. Niemand kann wissen, was in Zukunft noch entdeckt wird. Aber vor dem Hintergrund gewisser biologischer Kenntnisse erscheint eine Trauma-Vererbung äußerst zweifelhaft. Es muss ja schließlich alles irgendwo zusammenpassen. Besonders der fehlende evolutionäre Vorteil, der eine Selektion von Individuen hervorgerufen haben müsste, welche eine Trauma-Vererbung „eingebaut“ haben, ist aus meiner Sicht nicht zu erkennen.

Es scheint, als ginge der fast schon vergessene „Kampf“ zwischen Lamarckismus und Darwinismus mit der Epigenetik in eine neue Runde, in welcher gewisse Ideologien eine Rolle zu spielen scheinen.

[1] … Einen Beweis für diese Aussage konnte ich im Internet nicht finden, wäre aber prinzipiell wünschenswert. Diese Information habe ich aus einer TV-Sendung. Ein entsprechender Link kann gerne im Kommentarteil gepostet werden.

[2] … Wie in diesem Artikel zu lesen ist

[3] … Übrigens gar keine so neue Erkenntnis. Es ist schon lange bekannt, dass die Gene durch einen Regulationsapparat gesteuert werden. In letzter Zeit wurden nur weitere Mechanismen entdeckt bzw. einige Zusammenhänge aufgedeckt.

Nein, Wunder kann man auch mit Neuraltherapie nicht erreichen. Aber gegen bestimmte Schmerzen, vor allem Rückenschmerzen und Verspannungen hilft sie ganz gut. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Vorgestern habe ich mir seit längerer Zeit mal wieder gesagt, ich will etwas mehr Sport treiben, zumal ich die meiste Zeit des Tages hauptsächlich sitzend verbringe. Also versuchte ich es mit ein wenig Krafttraining. Anscheinend habe ich mir aber dabei einen Nerv eingeklemmt, denn am Abend bekam ich Rückenschmerzen, die über die linke Schulterregion und die linke Seite bis vor zum Brustbein ausstrahlten. Ich konnte mich kaum noch richtig bewegen.

Also ging ich zu meinem Hausarzt, der nach genauer Lokalisation des Schmerzpunktes ein Lokalanästhetikum an diese Stelle spritzte. Seine neuraltherapeutische Ausbildung sei dafür sehr hilfreich gewesen, sagte er. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ich mich wieder einigermaßen normal bewegen konnte und die Schmerzen zumindest auf ein erträgliches Maß sanken. Ganz verschwanden sie erst am Abend.

Des Öfteren leide ich an Rückenschmerzen und Verspannungen, und fast genauso oft half die Neuraltherapie bei mir. Ich habe schon mehrere Möglichkeiten wie Finalgoncreme, Schröpfen oder Massagen ausprobiert, aber Neuraltherapie (grob gesagt das Spritzen eines Lokalanästhetikums an Schmerzpunkte) hilft tatsächlich am besten gegen einen muskulären Hartspann, auch wenn man über die Erklärung mit sogenannten Störfeldern sicher geteilter Meinung sein kann. Mir erscheint es plausibler, dass das Lokalanästhetikum den Teufelskreis aus Schmerz->reflektorischer Schonhaltung->Verkrampfung und Fehlbelastung der Muskulatur->Verstärkung des Schmerzes unterbricht. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass nicht nur der Schmerz nachlässt, sondern sich auch Muskelverhärtungen zurückbilden.

Ich finde meine kleine Geschichte deshalb hier erwähnenswert, weil ADHSler (ebenso Depressive) häufig über Rückenschmerzen klagen. Auch scheint Fibromyalgie häufig mit ADHS assoziiert zu sein, was nicht immer bekannt ist. Bei mir wurde diesbezüglich noch keine Diagnostik vorgenommen, aber theoretisch wäre das auch bei mir denkbar.

Interessant ist auch, dass man bei Fibromyalgie ebenfalls von einem in irgeneiner Weise gestörten Hirnstoffwechsel ausgeht, und dass niedrig dosierte Antidepressiva in vielen Fällen helfen sollen. Während man früher glaubte, Fibromyalgie beträfe nur Frauen nach den Wechseljahren, weiß man heute, dass Männer wie Frauen jeden Alters betroffen sein können.

Diese Frage habe ich in einem ADHS-Forum gestellt. Und ich erhielt teils verblüffende Antworten. Relativ schnell kamen die Antworten, die ich auch zunächst parat gehabt hätte:

  • Die Berichterstattung in den Medien liefert nicht immer ein angemessenes Bild.
  • Die Vorstellung, Kindern Psychopharmaka zu geben, erschreckt viele Menschen, was zur kritischen Einstellung beiträgt.
  • Wenn sie dann noch hören, dass es sich um amphetamin-ähnliche Medikamente handelt (wo die Assoziation zu Drogen nicht mehr weit ist), dann schlagen die Laien fast alle gleich die Hände über dem Kopf zusammen. (Trotzdem möchte ich anmerken, dass eine ordentliche Recherche im Rahmen einer Berichterstattung eigentlich den Unterschied zwischen angemessen dosierter Therapie und unkontrolliertem Drogenkonsum vermitteln können sollte)
  • ADHS ist ein komplexes Krankheitsbild, das nur durch eine ausführliche Untersuchung diagnostiziert werden kann, was nicht immer leicht ist.
  • Die Symptome kennt fast jeder von sich selbst, zumindest in geringer Ausprägung. (Trotzdem spielt das Ausmaß und das damit verbundene Leiden eigentlich eine Rolle)

Eines hat mich jedoch überrascht. Ich musste feststellen, dass selbst unter ADHSlern größere Uneinigkeit herrschte, als ich es vermutet habe. Und inzwischen bin ich davon überzeugt, dass auch diese Uneinigkeit erheblich zur Kritik an der Existenz und an der medikamentösen Therapie von ADHS beiträgt. Die ADHSler sind sich noch nicht einmal einig darüber, ob ADHS nun eine Krankheit ist oder nicht. Man muss dazu erwähnen, dass man sich nicht immer „krank“ fühlen muss, um krank zu sein. Und Ausdrücke wie „geisteskrank“ oder „verrückt“ sind sowieso fehl am Platz. Aber wie sollen wir denn erwarten, dass Nichtbetroffene einigermaßen richtig bescheid wissen über dieses Syndrom, wenn wir selbst die verschiedensten Versionen erzählen? Wir brauchen uns eigentlich nicht wundern.

Leicht enttäuschte Grüße

Gerade eben lief im WDR die Sendung „Quarks  Co.“ mit Ranga Yogeshwar. Es ging um AD(H)S. Und um ehrlich zu sein, regt mich diese Sendung ein wenig auf. Denn das, womit ADHSler und ihre Ärzte ständig zu kämpfen haben, wurde hier mal wieder durch die Medien gefördert: ein verzerrtes Bild dieser Thematik mit der Bedienung von Klischees. Um fair zu bleiben: Die Kontroverse in der Diskussion um die Ursachen und die medikamentöse Therapie bei ADHS wurde durchaus von mehreren Seiten beleuchtet. Es kamen Psychologen zu Wort, genauso wie Betroffene, Vertreter der Pharma-Industrie und Ärzte.

Dennoch wurde aus meiner Sicht die Kritik an den neurobiologischen Ursachen für ADHS und an den Medikamenten überbetont, ebenso die psychoanalytische Sichtweise zu den Ursachen, was mich sehr enttäuscht.

Ich kann verstehen, dass es für die meisten Menschen befremdlich erscheint, Kindern Medikamente zu geben, erst recht, wenn es sich um Psychopharmaka handelt. Aber dennoch muss man hier nun mal der Wahrheit ins Gesicht sehen und akzeptieren, dass bei vielen Kindern kein Weg daran vorbei führt. Den Kopf in den Sand stecken und das Problem nur zu bereden und einen Konflikt irgendwo hinein zu deuten, wo keiner ist, sondern erst noch einer entsteht, wenn man nicht bald was macht (Stichwort Psychoanalyse), bringt nichts! Man hilft keinem ADHS-Kind, wenn man eine Pharmakotherapie kategorisch ausschließt! Das will ich hier noch einmal betonen, auch wenn das so in der Sendung nicht propagiert wurde.

Ich hatte eigentlich immer eine positive Meinung zu Ranga Yogeshwar, aber dass er hier dazu beiträgt, ein recht verzerrtes Bild von ADHS zu vermitteln, überrascht mich. Recht aussagekräftig für die Sendung auch sein Schlusswort:

Vielleicht sind nicht unsere Kinder krank, sondern eher unsere Gesellschaft. Und ADHS ist ein Ausdruck dafür.

Das hat er aber schön gesagt. Wie kann man einerseits in der Sendung die Wirkung der Medikamente im Gehirn erklären (mit Dopamintransportern und Synapsen etc.) und gleichzeitig mit diesen Worten schließen, die ja gleich das ganze Störungsbild infrage stellen? Das ist für mich ein klarer Widerspruch. Die Medikation mit Methylphenidat setzt so kausal an, wie es nur irgend geht. Nach heutigem Forschungsstand ist bei den meisten ADHSlern eine zu hohe Dichte sog. Dopamintransporter in einem bestimmten Gehirnbereich namens Striatum vorhanden und trägt erheblich zur Symptomatik bei. Methylphenidat greift genau dort ein, indem es die Anzahl der Dopamintransporter wieder auf ein Normalmaß senkt. Und wer sich mit Biologie ein wenig auskennt, der kann sich denken, dass das durch keine Psychotherapie allein bewirkt werden kann. Andernfalls möchte ich gern die Studie lesen, die genau das belegt.

Während die einen also immer noch mit der (Para-)Wissenschaft der Deutung beschäftigt sind, behandelt die Medizin auf der Basis reproduzierbarer(!) Studienergebnisse die Ursachen, soweit das heutzutage möglich ist.

Nachtrag:

Nachfolgend die Links zur Sendung auf YouTube:   Teil 1 2 3 4 5

Ich habe mich gerade erinnert, dass ich zu meinen Erfahrungen im Studium was schreiben wollte, speziell unter dem Gesichtspunkt Studieren mit ADS. Ich werde mir da noch mal was überlegen und eine  kleine „Stoffsammlung“ durchführen. Deshalb kann ich im Moment nur mit ein paar spontanen Einfällen zum Thema dienen:

Also die größten Probleme eines ADHSlers beim Studium sind vor allem das Lernen (ist ja eigentlich klar) und das Zeitmanagement. Im Studium ist man ja weitestgehend auf sich allein gestellt. Während es zu Schulzeiten einen festen Stundenplan gab und die Lehrer einem mehr oder weniger sagten, was wichtig ist, muss man sein Studium und eben auch das Lernen im selbigen größtenteils selbst organisieren. Da ist die Gefahr, dass man sich verplant, recht groß. Das geht ja vielen „Normneuros“ schon so. Ich habe deshalb immer versucht, mir einen Plan anzufertigen und kontinuierlich was zu machen. Den Plan aufzustellen, war weniger mein Problem, sondern mich daran auch zu halten! Zeitweise habe ich – ohne dass es mir bewusst war – ausgeblendet, dass es eigentlich einen Lernplan gibt. Und oft habe ich auch einfach länger zum Lernen gebraucht, als ich laut Plan Zeit hatte. Ein Allheilmittel dagegen habe ich leider nicht. Aber wer Schwierigkeiten damit hat, kann sicherlich von einem Coach profitieren. Manchmal kann auch ein Freund oder Verwandter diese Tätigkeit übernehmen. Ich habe jedoch keine Erfahrung mit einem Coach. (mehr…)

Eigentlich wollte ich erst beim nächsten Mal darüber schreiben, aber ich hab das Thema einfach mal vorgezogen. Es geht um das Symptom, das ich für eines der schwerwiegendsten halte, weil es zu starken Einschränkungen im täglichen Leben führt: „Arbeitsspeicher“ bzw. Vergesslichkeit.

Tatsächlich spricht man auch beim menschlichen Gedächtnis von einem Arbeitsspeicher – ein Wort, das man ja eigentlich eher aus der Computertechnik kennt. Arbeitsspeicher bedeutet das Gedächtnis, das die Informationen im Bewusstsein behält, die für das aktuelle Tun und Handeln wichtig sind. Z. B. die Information, zu erst einen Brief zu schreiben, danach ihn ins Couvert zu stecken und dann eine Briefmarke drauf zu kleben. Der Arbeitsspeicher (oder besser das Arbeitsgedächtnis) sorgt dafür, dass man dabei nicht durcheinander kommt.

Und leider funktioniert genau das bei AD(H)S nicht richtig. Das ist auch ein wichtiger Grund, warum ADHSler häufig durcheinander geraten. Im Alltag macht sich das z. B. dadurch bemerkbar, dass man öfter den roten Faden verliert in einem Gespräch; schnell vergisst, was man sagen wollte; losläuft, um etwas aus einem anderen Zimmer zu holen und dort angekommen nicht mehr weiß, was es war (klingt zwar komisch, ist aber so).

Diese Vergesslichkeit führt auch dazu, dass man Verabredungen vergisst, was dann häufig so interpretiert wird, als sei die Verabredung für den Betroffenen nicht wichtig und er hat sie aus Desinteresse vergessen. Viele Betroffenen versuchen ihr geringes Arbeitsgedächtnis zu kompensieren, indem sie sich permanent kleine Zettel schreiben, um geplante Alltagstätigkeiten zu notieren. Oft verschwindet allerdings auch diese Notiz im Chaos.

Auch typisch ist es, dass man Gegenstände sucht, die man eben erst in der Hand hatte, weil man vergessen hat, wo man sie hingelegt hat. Die Bedeutung des Gegenstandes spielt dabei keine Rolle.  So kommen manchmal auch wichtige Dokumente oder wertvolle Dinge abhanden. Wenn Ihr also jemanden kennt der ständig Sachen verschludert oder häufig nach irgendwelchen Alltagsgegenständen sucht, dann könnte möglicherweise ein ADHS bei dieser Person vorliegen.

Das geringe Arbeitsgedächtnis trägt auch dazu bei, dass ADHSler nicht richtig zuhören können. Denn wenn jemand einen längeren Satz sagt (vielleicht noch etwas verschachtelt), dann hat ein ADHSler oft Schwierigkeiten, nicht den Satzanfang zu vergessen. Für einen Außenstehenden mag das skurril anmuten, es ist aber tatsächlich der Fall.  Umso schwieriger sind manchmal die Gespräche unter ADHSlern. Bei einem älteren Menschen könnte man hierbei durchaus auch an eine Demenz denken, wenn die Symptomatik nicht schon das gesamte Leben hindurch bestehen würde. Tatsächlich haben viele Betroffene das Gefühl, als seien sie an „vorzeitiger Demenz“ erkrankt.

Dass ein geringes Arbeitsgedächtnis (neben den Konzentrationsstörungen) zu Schwierigkeiten beim Lernen führt, ist auch verständlich. Schließlich kann man dadurch nur eine begrenzte Anzahl an Fakten aufnehmen, ohne einen davon gleich wieder zu vergessen. Da das Arbeitsgedächtnis nicht richtig funktioniert, gelingt auch seine Kommunikation mit der „Festplatte“, also den Zentren des Gehirns, die Wissen abspeichern, nicht richtig. Das erklärt, warum gerade aufgenommene Fakten schlechter im Langzeitgedächtnis behalten werden können. Ebenso kann Gelerntes häufig nicht abgerufen werden, was durch den Stress einer Prüfungssituation dann noch verschärft wird. Das „Laden“ in den Arbeitsspeicher versagt in so einem Moment. Typischer Satz eines Betroffenen: „Ich weiß es, aber mir fällt es gerade nicht ein.“ Klar kennt das Jeder, aber es ist auch hier wieder das Ausmaß, das es zu einer Störung macht.

Häufig beschreiben Betroffene das Gefühl, schnell den Überblick über eine Situation zu verlieren und sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Auch ein Grund, warum Zimmer oder Schreibtische von ADHSlern oft unordentlich aussehen. Nicht diesen „Tunnelblick“ zu haben, ist aber vor allem in Situationen wichtig, in denen Überblick gefordert ist, um eine sinnvolle Handlungsstrategie zu entwickeln. Andererseits sind ADHSler in gefährlichen Situationen häufig diejenigen, die schnell und sinnvoll handeln, während Andere erst einmal kopflos sind. Meine eigene Vermutung ist es, dass in einer solchen Situation stressbedingt die Stimulation im Gehirn auftritt, die ADHSler auch sonst häufig suchen (z. B. in Extremsportarten), so dass dadurch kurzzeitig der Pegel an Neurotransmittern zwischen den Nervenzellen entsteht, der zu einer adäquaten Hirnfunktion in stressfreien Situationen nicht erreicht wird.

Nun also dann das nächste Mal: Impulsivität und emotionale Labilität

Nun schon wieder ein Artikel zum Thema ADHS, aber keine Angst, es kommt auch bald wieder was Anderes.

Kürzlich erschien in einem ADHS-Forum ein Gast-User in einem Thread über das Thema „Psychoanalyse bei ADHS“. Die User tauschten gerade ihre eigenen Erfahrungen über Psychotherapien allgemein aus, als dieser Gast behauptete, ADHS gäbe es nicht, die Symptome wären allein durch negative Lebenserfahrungen verursacht. Und deshalb wäre eine Psychotherapie besser geeignet, um (das eigentlich gar nicht vorhandene) ADHS zu behandeln. Er bezweifelte die genetische Disposition bei ADHS. Medikamente seien allenfalls als Übergangslösung zur Psychotherapie angebracht. Und außerdem habe man jüngst nachgewiesen, dass Psychotherapie genauso gut wie Medikamente Veränderungen im Gehirn verursacht, allerdings auch noch dauerhaft!  Man muss dabei noch wissen, er ist Psychoanalytiker. Sein Fazit lautete:

Nur Psychotherapie kann bleibend helfen. Tabletten helfen nur, solange sie wirken. Von daher machen Tabletten zumindest psychosozial abhängig, eine gelungene Psychotherapie keineswegs.

Auch hier auf dem Blog gab es kürzlich eine ähnliche Debatte.

Diese Grundsatzdiskussion kommt im Privaten wie auch in einigen Medien sehr häufig vor. Es gibt immer wieder Personen, die die Tatsache ADHS und deren Medikation scharf kritisieren. Ich frage mich dann immer wieder: Wieso?

Die Anzahl der ADHS-Diagnosen stieg in den letzten Jahren an. Bei den Erwachsenen liegt es wohl hauptsächlich daran, dass man bis vor einigen Jahren glaubte, ADHS verliere sich während des Heranwachsens, und es deshalb einfach nicht bei Erwachsenen diagnostizierte. Heute ist man schlauer und so nähert sich die Zahl der Diagnosen bei Erwachsenen allmählich der tatsächlichen Häufigkeit an. Bei Kindern bin ich mir nicht ganz sicher, wie die aktuelle Entwicklung ist.

Nun, die Tatsache, dass ADHS immer öfter diagnostiziert wird, zeigt, dass es eine Symptomatik zu geben scheint, die durch die typischen Symptome (Konzentrationsstörungen, Hyperaktivität, Impulsivität, Desorganisation, Stressintoleranz etc.) gekennzeichnet ist. OK, nun könnte man behaupten, dass das z. B. Folgen von Überforderung sind (Burnout), vielleicht getriggert durch den hohen Leistungsdruck in unserer Gesellschaft. Aber so leicht machen es sich die Fachärzte ja nicht mit der Diagnose. Die Diagnostik von ADHS dauert häufig mehrere Stunden und beinhaltet eine genaue Erhebung von Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und den Ausschluss anderer Diagnosen. Auch wenn diese Diagnostik nicht einfach ist, ADHS als ein eigenes Störungsbild gibt es mit Sicherheit. Ein wesentliches Merkmal ist die Persistenz seit der Kindheit¹. Somit wird der Burnout schon unwahrscheinlich.

Warum also gibt es immer wieder Menschen, die gegen ADHS vorgehen wollen, seine Existenz infrage stellen und alle Welt mit dieser Überzeugung „missionieren“ wollen?

Und was haben sie gegen Medikamente, die dem größten Teil der Betroffenen das Leben erheblich erleichtern?

Ich muss sagen, vernünftige Gründe dafür fallen mir nicht ein. Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, ist, dass es vorwiegend Psychotherapeuten sind, die finanzielle Einbußen befürchten, weil einige ihrer Patienten irgendwann keine Psychotherapie mehr benötigen. Aber soll es das wirklich sein?

Was sagt Ihr dazu? Ich bin gespannt.

Anmerkung: Sehr empfehlenswert ist auch dieser Artikel von Dr. Winkler, den ich soeben entdeckt habe. Die Tatsache, dass Freud selbst (als Begründer der klassischen Psychoanalyse) zur Erkenntnis gelangte, dass bei bestimmten Personen statt Konflikten eine biologische Veränderung ursächlich ist, spricht Bände.

[¹] Auch dabei scheint es vereinzelte Ausnahmen zu geben, die aber anscheinend sehr selten sind und deshalb bei dieser Betrachtung vernachlässigt werden können.

Achter hat ja vor nicht allzu langer Zeit auch übers gleiche Thema geschrieben: Welches Bild erzeugt mein Blog und damit mein Tor zur Öffentlichkeit von mir?

Ich schreibe hier öfters über irgendwelche Sachen, die ADHS betreffen oder über ein paar wissenschaftliche oder politische Themen. Gerade bei den wissenschaftlichen Sachen und den Beiträgen über ADHS achte ich sehr auf Korrektheit – lieber dreimal durchgelesen, als irgendwie nicht ganz richtig. Einfach, weil das auch Themen sind, in denen viel Zündstoff begraben liegt. Ich versuche mich wirklich auf reine Sachlichkeit zu beschränken, damit das niemand in den falschen Hals kriegt. Im echten Leben bin ich zwar auch gründlich, aber nicht immer so „obergenau“. Das hält ja auch auf.

Und was Witziges liest man hier auf dem Blog auch selten, obwohl das auch nicht ganz der Realität entspricht. Tja, ich weiß nicht, was ich von diesem Typen halten würde, der sich tigger nennt und sonst kaum was von sich preis gibt, wenn ich nicht ich wäre. Sicher ist: Mein Blog ist natürlich nur ein Teil von mir, und ADHS erst recht. Ich glaube, auch wenn ADHS für uns omnipräsent ist, trotzdem sollte man auch einfach mal nur man selbst sein können und keinen Gedanken daran verschwenden. Ist nicht immer leicht, aber ist trotzdem machbar.

So, das waren jetzt mal ein paar ganz spontane Gedanken (Spontanität – auch nicht ganz untypisch). ;)

Aufgrund der gestrigen Sendung „Zank um das Zappelphilipp-Syndrom“ (hier eine kleine Zusammenfassung) habe ich mir ein paar Gedanken gemacht, die mich beschäftigen.

Immer wieder steht die Medikamenten-Therapie des ADHS  in der Kritik, und es wird von einer beängstigenden Entwicklung gesprochen, wenn man erwähnt, dass die Verschreibungen in den letzten Jahren zugenommen haben. Manche Leute unterstellen den Ärzten sogar pauschal, sie würden zu schnell Stimulanzien verschreiben. Man könne in vielen Fällen darauf verzichten und nur mit den übrigen Behandlungsmethoden (Psycho-, Verhaltenstherapie, Coaching …) therapieren.

Man muss dabei wissen, dass mit Methylphenidat ein sehr potentes Medikament zur Behandlung des ADHS zur Verfügung steht, das in der Regel gut vertragen wird und in seiner über 50-jährigen Anwendung bisher keine negativen Langzeiteffekte aufwies. Wenn es so angewendet wird, wie vom Arzt empfohlen, dann gilt es als eines der sichersten Medikamente, die es gibt.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die medikamentöse Therapie eine enorme Bereicherung für das Leben sein kann, auch wenn sie bei mir noch nicht ganz optimal ist. Aber das Ausmaß meiner Einschränkungen, die ich hatte, wurde mir erst nach Beginn der Medikation ersichtlich. Ich kannte es zuvor nicht anders und bemerkte deshalb nicht, wie oft ich eigentlich immer geistig abwesend war.  Ich fühle mich jetzt regelrecht etwas „schlauer“.

Was hätte ich aber getan, wenn mein Arzt gemeint hätte, ich bräuchte kein Medikament, ich müsse es mit den anderen Möglichkeiten probieren? Ich hätte wohl nie erfahren, wie sich mein Leben vereinfachen konnte. Wahrscheinlich hätte ich mich in Psychotherapien abgemüht, die langfristig eher wenig gebracht hätten.

Die Kernfrage, die sich mir deshalb aufdrängt, ist: Kann man es moralisch verantworten, dass ein diagnostizierter ADHS-Patient nur einen Teil der möglichen Therapien bekommt? Habe ich mit bestehender Diagnose nicht das Recht, zu erfahren, wie die Welt für mich mit Medikamenten aussieht, um mich dann selbst dafür oder dagegen zu entscheiden (nach ausführlicher Aufklärung über die Risiken)?

Dass man bei Kindern mit Medikamenten zurückhaltender ist, verstehe ich. Deshalb verstehe ich auch, dass man bei Kindern Auslassversuche unternimmt. ADHS kann ja auch noch im Laufe der Zeit „verschwinden“, passiert nicht oft, aber das gibt es ja. Aber auch nicht jeder erwachsene ADHSler bekommt zwangsläufig mit seiner Diagnose auch ein Medikament.  Meiner Meinung nach hat jedoch jeder das Recht, die eigenen Ressourcen so gut wie möglich zu nutzen. Keiner sollte durch eine restriktive Verschreibung daran gehindert werden.

Ich weiß, das ist jetzt eine klare Bekenntnis zu den oft kritisierten Medikamenten. Gerade bei der Stimulanzientherapie ist aber bei angemessener Anwendung eine Kritik kaum noch berechtigt. Es werden weit jüngere und nebenwirkungsreichere Medikamente täglich verschrieben, ohne dieses negative Echo in den Medien. Und wenn ich noch einen Vergleich heranziehen darf: Bei einem Schmerzpatienten würde auch niemand sagen: „Sie bekommen keine Schmerzmittel, dazu sind Ihre Schmerzen noch nicht stark genug“, oder?

Auch diese beiden Symptome gehören zur Kernproblematik bei ADHS. Sie können unterschiedlich stark ausgeprägt sein und fallen oft nicht als erstes auf, da bei vielen Betroffenen auf den ersten Blick die Hyperaktivität und Impulsivität im Vordergrund zu stehen scheinen. Dennoch können diese Symptome zu starken Einschränkungen im täglichen Leben führen. Beim überwiegend unaufmerksamen Typ des ADHS machen sie den größten Teil des Krankheitsbildes aus. Oft fallen sie auf, wenn die betroffenen Kinder in die Schule kommen.

Unaufmerksamkeit kann sich in vielerlei Begebenheiten bemerkbar machen. Sie ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass die Betroffenen nicht aufpassen (man könnte auch sagen „nicht aufmerken“). Sie übersehen Dinge oder laufen z. B. an einer Person vorbei, die sie kennen, ohne sie zu beachten. Viele ADHSler berichten über blaue Flecke, von denen sie nicht wissen, woher sie kommen. Bei Kindern sind es oft kleine Schrammen, ohne dass sie wissen, wo sie sich diese zugezogen haben. Auch häufige kleine Beulen am Auto fallen sicherlich in diese Kategorie. Bei vielen ADHSlern fällt auf, dass sie häufig in Gedanken sind, sie träumen (ähnlich wie Hans-guck-in-die-Luft). Meiner Erfahrung nach sind dies alltägliche Gedanken, meist über geschehene Ereignisse oder Assoziationen, die man hat, weil man gerade etwas Betimmtes gesehen hat. Wenn jemand als „Tagträumer“ bezeichnet wird oder häufig geistig abwesend ist, kann das ein Hinweis auf ADS sein.

ADHSler sehen bestimmte Dinge oft zu spät. Das kann z. B. im Straßenverkehr ein Problem werden. Zwar sind sie nicht generell zur Teilnahme am Straßenverkehr ungeeignet oder unfähig – keineswegs – jedoch haben sie eine höhere Unfallhäufigkeit als Nichtbetroffene. Bei manchen spielt hier sicherlich auch ein riskantes Fahrverhalten eine begünstigende Rolle, um der Gier nach Extremsituationen nachzugehen („Adrenalinkick“).

Die Konzentrationsstörungen machen sich ebenfalls in vielen Lebenslagen bemerkbar. ADHSler haben eine geringere Fähigkeit als Nichtbetroffene, ihre Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Reiz zu fokussieren, sprich sich auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren. Das gelingt ihnen entweder generell nur mit Mühe oder aber es gelingt ihnen nur eine bestimmte Zeit lang, bevor die Gedanken abdriften. Man spricht auch von einer verminderten Aufmerksamkeitsspanne. Gegen dieses gedankliche Abdriften (oder Abschweifen) kann der Betroffene nicht viel unternehmen. Meist bemerkt er es nicht einmal.  Bei mir waren die Konzentrationsstörungen teilweise so ausgeprägt, dass ich selbst beim Lesen eines Buches gedanklich abgedriftet bin. Erst als ich am Ende der Buchseite ankam, bemerkte ich, dass ich (trotz, dass ich die Seite bis zum Ende las!) die ganze Zeit in Gedanken war. Manchmal kann man die Aufmerksamkeit willentlich wieder dem Thema zuwenden, nachdem man abgedriftet ist. Doch häufig ist auch das nicht möglich, mal abgesehen davon, dass es auf Dauer sehr anstrengt.

So passiert es oft, dass ein Schüler oder Student nur ein paar Minuten (bei mir waren es z. B. ca. 15 min) dem Lehrer in der Schule oder dem Dozenten in der Vorlesung konzentriert zuhören kann. Auch im Gespräch mit anderen Personen treten diese Probleme auf. Einige Betroffene berichten, dass sie häufig durch ihr Gegenüber gewissermaßen hindurch schauen und immer wieder zustimmend nicken, um sich dies nicht anmerken zu lassen. Das tun sie nicht aus Desinteresse, sondern es gelingt ihnen einfach nicht. Um das Gegenüber nicht zu enttäuschen, versuchen sie diese Probleme zu überspielen. Vom Gespräch bekommen sie dann allemal nur ein paar Fetzen mit, deren Zusammenhang sie sich mit ein bisschen Nachdenken oftmals selbst zusammenbasteln. Wenn sie eine Frage zum Gespräch gestellt bekommen, können sie diese oft nicht beantworten. Zugegeben ist das ein Extrem, das auch weniger stark ausgeprägt sein kann. Dennoch zeigt es, mit welchen Problematiken ein nicht behandelter ADHSler zu kämpfen hat. Schlimm wird es auch, wenn das Gegenüber das bemerkt und dann glaubt, der ADHSler hätte nur aus Desinteresse nicht richtig zugehört. So kommt es oft zu zwischenmenschlichen Konflikten, die letztlich nur auf Missverständnissen und oftmals auch der Unkenntnis des Syndroms beruhen.

Die Konzentrationsstörungen treten vor allem auf, wenn eine Tätigkeit als monoton und langweilig empfunden wird oder wenn andere Stimuli zu stark von einer Tätigkeit ablenken. So passieren auch häufig „Schusselfehler“ bei derartigen Aufgaben (Buchstaben vergessen beim Schreiben, Tippfehler,  Liegenlassen von Gegenständen etc.). Interessant ist, dass es ganz anders sein kann, sobald eine Tätigkeit oder eine Information als angenehm oder interessant empfunden wird. Dann kann es sogar zum sog. Hyperfokus kommen, bei dem der Betroffene geistig sehr klar ist und Stunden lang weiterarbeiten oder weiterlesen kann. Oftmals sind Betroffene dann enorm engagiert und zu Höchstleistungen in der Lage, so dass alles andere in Vergessenheit geraten kann.

Ein wichtiger Grund für die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen ist sicherlich die erhöhte Ablenkbarkeit. ADHSler lassen sich zu leicht von externen oder internen Stimuli (Reizen) ablenken und vergessen dabei häufig die ursprüngliche Tätigkeit oder das große Ganze. Gerade die internen Stimuli spielen eine große Rolle, nämlich wenn der Betroffene von bestimmten Gefühlen „überrannt“ wird. Oftmals werden Betroffene von negativen Erlebnissen wie Streits, Enttäuschungen, Verletzungen etc. derart in Anspruch genommen, dass sie auch lange danach nicht mehr in der Lage sind, eine Tätigkeit sinnvoll durchzuführen. Sie sind dann völlig durcheinander und unstrukturiert. Auch das kennen vielleicht einige Nichtbetroffene, z. B. wenn sie von einer schlimmen Nachricht (wie dem Tod eines nahe stehenden Menschen) erfahren. Bei ADHSlern können aber auch viel weniger schwerwiegende Ereignisse so eine Reaktion auslösen. Dinge, die für andere nur eine geringe Rolle spielen würden. Nicht umsonst hat ein ADHS-Buch den Untertitel „Den Gefühlen ausgeliefert„. Denn genauso ist es. Statt, die Gefühle einigermaßen im Griff zu haben, sind es die Gefühle, die einen ADHSler oft im Griff haben.

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