Biologie


Angeregt durch sunny’s letzten Artikel möchte ich mich heute dem Thema Epigenetik widmen. Die Epigenetik ist ein junges wissenschaftliches Fach, und dennoch schon sehr umstritten. Das liegt daran, dass in ihr ein gewisses Konfliktpotential liegt, da ihre Erkenntisse möglicherweise ein Umdenken in Naturwissenschaften bedeuten könnten. Nicht zuletzt wird sie von einigen Wissenschaftlern quasi als „Totschlagargument“ genutzt, um nur wenig bis gar nicht überprüfbare Theorien zu begründen. Allen voran Psychoanalytiker, und hier vor allem auch ADHS-Gegner. Ich möchte hier einmal darstellen, warum die Bedeutung der Epigenetik – zumindest hinsichtlich psychischer Störungen – in meinen Augen überschätzt wird. Dass zu diesem Thema einiges gesagt werden muss, halte ich für dringend nötig. Typische Behauptung einiger Psychoanalytiker: Psychische Erkrankungen (wie eben auch ADHS) seien nur die Folge (vererbter) Traumata.

Zunächst einmal: Was bedeutet Epigenetik überhaupt? Hier möchte ich den Wikipedia-Artikel zitieren:

Die Epigenetik beschäftigt sich mit der epigenetischen Vererbung, d. h. der Weitergabe von Eigenschaften auf die Nachkommen-Organismen oder Nachkommen-Zellen, die nicht auf Abweichungen in der DNA-Sequenz zurück gehen, sondern auf eine vererbbare Änderung der Genregulation und Genexpression.

In der Epigenetik werden die molekularen Mechanismen erforscht, welche regeln, ob ein Gen gerade „angeschaltet“ oder „ausgeschaltet“ ist. Das heißt, ob ein Gen abgelesen wird, und zur Bildung von Eiweißen führt, die in der Zelle vorhanden sind, oder nicht. Jede Körperzelle eines Menschen besitzt dasselbe Erbgut. Da es aber unterschiedliche Zelltypen (z. B. Hautzelle, Muskelzelle, Nervenzelle etc.) gibt, werden immer nur bestimmte DNA-Abschnitte für die Funktion der Zelle benötigt, während die anderen ruhen. Der epigenetische Apparat regelt, wann welches Gen aktiv wird³.

„Nutznießer“ der Epigenetik behaupten, dass über diese Mechanismen ein Einfluss der Umwelt auf die Gene stattfindet und so das Erbgut verändert wird. Nach dem Motto: Die Giraffe hat einen langen Hals, damit sie  besser an die Blätter von Bäumen kommen kann. So eine Aussage entspräche der Lamarckschen Theorie über die Evolution. Sie steht konträr zur Darwinschen Evolutionstheorie, nach der sich – um bei diesem Beispiel zu bleiben – der lange Hals von Giraffen durch Mutation und natürliche Auslese entwickelte, weil Giraffen mit längeren Hälsen bessere Chancen hatten als ihre Artgenossen, an Nahrung zu gelangen, und sich damit ihre Überlebenschancen erhöhten, so dass sie ihre Gene häufiger verbreiten konnten.

Tatsächlich wurde nachgewiesen, dass z. B. die Kinder von Müttern, welche in der Schwangerschaft eine Hungerperiode erlebten mussten, kleinere Kinder bekamen als normal, und auch deren Kinder wieder kleiner waren¹. Nun stellt sich die Frage: Ist dies eine Veränderung des Erbgutes? Das kommt darauf an, was man unter dem Begriff Erbgut versteht. Wenn er den epigenetischen Apparat mit einschließt, dann könnte man sagen ja. Wenn man darunter nur die DNA, also den genetischen Code, versteht, dann müsste man sagen nein. Denn was sich ändert, ist nur der epigenetische Apparat, also die Information, dass wachstumsförderliche Gene weniger aktiv werden. Diese Information scheint in manchen Fällen mit vererbt zu werden. Das stellt allerdings keine Veränderung des genetischen Codes, also der DNA, dar. Es werden nur schon vorhandene Gene an- bzw. abgeschaltet und dieser Status (Gen ist an bzw. Gen ist aus) mit vererbt! Evolutionär gesehen konnte das durchaus in unserem Beispiel einen Vorteil gebracht haben (geringerer Nahrungsbedarf kleinerer Menschen in einem Gebiet/einer Zeit mit geringen Nahrungsmittelreserven).

Nun wird jedoch oftmals behauptet, auf genau die gleiche Weise könnten psychische Traumata das Erbgut verändern und somit das Trauma mit seinen negativen Folgen auf die nachfolgende Generation vererbt werden. Das Kind einer Mutter (bzw. eines Vaters), die in ihrem Leben ein psychisches Trauma erlebt hat (z. B. in Kriegszeiten), würde demnach an den Folgen des Traumas der Mutter leiden. Psychische Erkrankungen (wie ADHS) werden dann gerne auf eine in früheren Generationen erworbene Traumaerfahrung zurückgeführt. Diese Theorie hat allerdings logische Fehler, wie ich im Folgenden darstellen werde.

Zum einen müsste die Information einer psychischen Traumatisierung vom Gehirn der traumatisierten Person zunächst in die Keimzellen (Ei- oder Samenzellen) gelangen, denn das Kind bekommt nur über diese das Erbgut der Eltern. Eine solche Übertragung einer Information ist aber nur schwer vorstellbar. Sie könnte nur auf dem hormonellen Wege erfolgen, da es keine Nervenverbindungen zwischen Gehirn und Keimzellen gibt. Für so einen Mechanismus wurde noch kein eigenes Hormon entdeckt. Denkbar wäre allenfalls das Stresshormon Cortisol. Dieses könnte aber – wenn überhaupt – nur eine unspezifische Veränderung in Keimzellen hervorrufen, da es dem Körper die Information übermittelt, dass eine Stresssituation vorliegt, nicht  aber um welche Art von Stress es sich handelt. Eine Veranlagung zu einer spezifischen Symptomatik im Sinne einer Traumareaktion ließe sich aber hormonell nicht machen. Warum ein Kind gerade ADHS bekommt, während sich das andere nur immer „heimatlos fühlt“², wäre dadurch nicht erklärbar. Jede Spezifität eines Traumas ginge verloren. Und somit könnte es wiederum Stress jeglicher Art gewesen sein, der eine solche Reaktion hervorgerufen hat. Das psychische Trauma müsste also nicht mal der Auslöser sein. Zudem lässt sich hier auch nachvollziehen, dass selbst epigenetische Veränderungen im Gehirn (die es ja durchaus geben kann) kein Beweis für eine Vererbung dieser auf die Nachfolgegeneration sind.

Außerdem muss man sich überlegen, dass ein solcher Regulationsmechanismus einen evolutionären Vorteil dargestellt haben müsste, ansonsten hätte er sich nicht entwickelt. Ein evolutionärer Vorteil psychischer Erkrankungen erscheint jedoch ebenfalls zweifelhaft.

Bei Samenzellen kommt hinzu, dass sie durch die sog. Blut-Hoden-Schranke vom Blutkreislauf isoliert sind. Sie werden nur durch „Ammenzellen“ ernährt, die kontrollieren, welche Substanzen zu ihnen überhaupt vordringen. Hormone dürften die Samenzellen eigentlich gar nicht erreichen.

Die rund 500 Eizellen einer Frau haben auch eine Besonderheit. Sie werden schon vor der Geburt angelegt und verharren in ein und demselben Zustand, bis sie mit dem Eisprung in die Gebärmutter wandern. Die Traumatisierung müsste also das Erbgut der Mutter nachträglich verändern, da sie ja schon voll entwickelt sind. Auf DNA-Ebene ist das nicht möglich. Eine epigenetische nachträgliche Veränderung erscheint aus den oben genannten Gründen eher abwegig.

Meine Betrachtung ist natürlich nicht in Stein gemeißelt. Niemand kann wissen, was in Zukunft noch entdeckt wird. Aber vor dem Hintergrund gewisser biologischer Kenntnisse erscheint eine Trauma-Vererbung äußerst zweifelhaft. Es muss ja schließlich alles irgendwo zusammenpassen. Besonders der fehlende evolutionäre Vorteil, der eine Selektion von Individuen hervorgerufen haben müsste, welche eine Trauma-Vererbung „eingebaut“ haben, ist aus meiner Sicht nicht zu erkennen.

Es scheint, als ginge der fast schon vergessene „Kampf“ zwischen Lamarckismus und Darwinismus mit der Epigenetik in eine neue Runde, in welcher gewisse Ideologien eine Rolle zu spielen scheinen.

[1] … Einen Beweis für diese Aussage konnte ich im Internet nicht finden, wäre aber prinzipiell wünschenswert. Diese Information habe ich aus einer TV-Sendung. Ein entsprechender Link kann gerne im Kommentarteil gepostet werden.

[2] … Wie in diesem Artikel zu lesen ist

[3] … Übrigens gar keine so neue Erkenntnis. Es ist schon lange bekannt, dass die Gene durch einen Regulationsapparat gesteuert werden. In letzter Zeit wurden nur weitere Mechanismen entdeckt bzw. einige Zusammenhänge aufgedeckt.

So heißt eine hochinteressante Sendung der Reihe „Faszination Erde“ im ZDF, die ich gerade gesehen habe und sehr empfehlen kann.

Da soll noch mal jemand ankommen und anzweifeln, dass es die Evolution gibt!

Inseln am Rande der Hölle: Indonesien (ZDF-Mediathek)

Als ich letztens mal wieder quer durchs Netz surfte, stieß ich auf eine Pflanzenart namens Amorphophallus titanum. Auf den ersten Blick nichts besonderes, dieser Name für die größte Blume im Pflanzenreich. Da ich allerdings zu Schulzeiten im Lateinunterricht auch manchmal aufgepasst habe, war ich dann doch ziemlich verwundert über diesen Namen, denn man kann ihn wörtlich mit „unförmiger Titanen-Penis“ oder etwas plumper mit „unförmiger Riesenschniedel“ übersetzen. Wer kommt denn auf solch einen Namen?

Es war ein Mann namens Arcangeli im Jahre 1879, nachdem die Pflanze ein Jahr zuvor von ihrem Entdecker, dem Botaniker Odoardo Beccari, Conophallus titanum getauft wurde. Keine Ahnung, was das bedeutet, kommt aber wahrscheinlich auf fast dasselbe raus.

Nun ja, wenn man sich diese Blume einmal anschaut, dann kann man die Gedankengänge dieser beiden Männer schon irgendwie nachvollziehen. Wahrscheinlich waren sie dermaßen von der enormen Größe beeindruckt (aktueller Blütenstand-Rekord: 2,94 m), dass ihnen keine andere Assoziation einfiel!

Titanwurz

Amorphophallus titanum, dt. Titanenwurz (Quelle)