Ein Leben mit AD(H)S – die Welt anders sehen und begreifen: Hyperaktivität

Die Hyperaktivität ist eines der wichtigsten und auffälligsten Symptome des ADHS. Dennoch muss sie nicht zwangsläufig ein wesentlicher Teil der Symptomatik sein. Wie schon erwähnt, gibt es Betroffene, die kaum Hyperaktivität zeigen. Das heißt, sie steht bei ihnen nicht im Vordergrund oder wird erst auf den zweiten Blick auffällig. Auch kann sie zeitweise ganz fehlen oder nur am Rande auftreten.

Bekannt sind die typisch hyperaktiven Kinder aus einigen Medien. Sie fallen dadurch auf, dass sie ständig in Bewegung sind, herumtoben, auf Bäume klettern und Schwierigkeiten haben, still zu sitzen. Sie zappeln mit den Beinen (deshalb „Zappelphillip“) oder müssen ständig etwas in die Hand nehmen, um damit zu spielen. Oft rennen sie umher, wobei es häufiger zu kleinen Verletzungen kommt, wenn sie gerade wieder  dabei unaufmerksam waren. Ein Hinweis auf ein ADHS kann es sein, dass ein Kind ständig Schrammen oder blaue Flecke hat, von denen es nicht weiß, woher sie kommen.

Meist nimmt die Hyperaktivität im Laufe des Erwachsenwerdens immer weiter ab, was dazu führte, dass man früher glaubte, dass sich ADHS „auswächst“. Bei den meisten Betroffenen ist dies aber nicht der Fall. Die Hyperaktivität existiert dann eher versteckt oder tritt nur in stressigen Phasen auf. Beispielsweise wippen Erwachsene ADHSler oft mit den Füßen, trommeln nervös mit den Fingern, stehen häufig aus dem Sitzen auf oder laufen im Zimmer umher. Stress und emotionale Anspannung verstärken die Hyperaktivität zumeist. So passiert es, dass ein Schüler oder Student während des Lernens im Zimmer umher läuft, weil das seine Unruhe etwas mildert. Viele ADHSler wirken aufgrund ihrer Hyperaktivität hektisch oder nervös. Manchmal rennen sie von einem Punkt im Zimmer zum nächsten, dann wieder zurück usw., weil sie nicht in der Lage sind, sich in aller Ruhe einen Überblick über die anstehenden Arbeiten zu verschaffen und dabei zu überlegen, in welcher Reihenfolge diese am sinnvollsten anzugehen sind.

Einige ADHSler versuchen, sich mit häufigem Sporttreiben selbst zu „kurieren“, weil sie merken, dass die viele Bewegung Entspannung verschafft. Das kennen sicher auch Nichtbetroffene, beispielsweise, wenn sie sich nach einer schlimmen Nachricht oder vor einer wichtigen Entscheidung „ein bisschen die Beine vertreten“. Bei ADHSlern führen jedoch schon geringe Belastungen oder der normale Alltag zu dieser Anspannung.

Die Hyperaktivität ist letztlich ein Ausdruck innerer Unruhe oder Anspannung. Auch wenn ein ADSler ruhig sitzt, kann sich diese innere Unruhe bemerkbar machen, indem er z. B. verkrampft im Stuhl sitzt oder häufig tief durchatmet. Auch die Logorrhoe („Rededurchfall“) mit ihren häufigen Gedankensprüngen, die bei vielen ADHSlern bemerkt wird, kann als Ausdruck der inneren Unruhe angesehen werden.

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2 Gedanken zu “Ein Leben mit AD(H)S – die Welt anders sehen und begreifen: Hyperaktivität

  1. Ein hyperaktives Kind „riecht“ man 3 km gegen den Wind. Die hypoaktiven haben es da schwerer. Sie schalten einfach ab, wenns zuviel wird. Dadurch dass sie oft so still sind fallen sie nicht auf, was nicht heißt, dass sie nicht leiden.
    Wir hatten 4 volle Jahre bis zur Diagnose, für mein Sohn ein Leidensweg und für den Rest der Familie auch. Mir selbst wurde seid der Zeit, wo ich weiß das er ein ADHS hat einiges klar und ich bin froh, dass ich in der Lage bin in vor der ein oder anderen Enttäuschung beschützen zu können, der ich ausgesetzt war. Man fühlt das man anders ist, nur weiß/wusste man nicht warum.

  2. Ja, so ähnlich ging es mir auch. Bin auch hypoaktiv. Und ich hatte immer das Gefühl: Irgendetwas stimmt mit mir nicht. Je älter ich wurde, umso mehr war ich den ganzen Tag lang müde, kam nur schwer aus dem Bett. Und viele Alltagstätigkeiten waren mir einfach zu viel. Es gab noch weitere Symptome, aber das war am stärksten ausgeprägt. Das ganze war eine schleichende Entwicklung.
    Ich war deshalb oft beim Arzt, der mich zu verschiedenen Internisten überwiesen hatte. Aber immer bekam ich zu hören, dass ich kerngesund sei. Einerseits zwar gut, aber dennoch fühlte ich mich nicht so. Ich wünschte mir manchmal sogar, dass man endlich eine Krankheit findet, damit es was zu Behandeln gibt.
    Und natürlich meinten die Ärzte, dass es auch psychische Ursachen haben kann, wenn ich immer erschöpft bin. Nur gab es kein auslösendes Ereignis. Es dauerte eine Weile, bis ich ADS in Erwägung gezogen habe, was vor allem daran lag, dass bei meinem Bruder ADHS diagnostiziert wurde.
    Die Diagnosefindung ist sicherlich keine leichte Sache für Ärzte.

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