Habe ich ein Recht auf meine Pillen?

Aufgrund der gestrigen Sendung „Zank um das Zappelphilipp-Syndrom“ (hier eine kleine Zusammenfassung) habe ich mir ein paar Gedanken gemacht, die mich beschäftigen.

Immer wieder steht die Medikamenten-Therapie des ADHS  in der Kritik, und es wird von einer beängstigenden Entwicklung gesprochen, wenn man erwähnt, dass die Verschreibungen in den letzten Jahren zugenommen haben. Manche Leute unterstellen den Ärzten sogar pauschal, sie würden zu schnell Stimulanzien verschreiben. Man könne in vielen Fällen darauf verzichten und nur mit den übrigen Behandlungsmethoden (Psycho-, Verhaltenstherapie, Coaching …) therapieren.

Man muss dabei wissen, dass mit Methylphenidat ein sehr potentes Medikament zur Behandlung des ADHS zur Verfügung steht, das in der Regel gut vertragen wird und in seiner über 50-jährigen Anwendung bisher keine negativen Langzeiteffekte aufwies. Wenn es so angewendet wird, wie vom Arzt empfohlen, dann gilt es als eines der sichersten Medikamente, die es gibt.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die medikamentöse Therapie eine enorme Bereicherung für das Leben sein kann, auch wenn sie bei mir noch nicht ganz optimal ist. Aber das Ausmaß meiner Einschränkungen, die ich hatte, wurde mir erst nach Beginn der Medikation ersichtlich. Ich kannte es zuvor nicht anders und bemerkte deshalb nicht, wie oft ich eigentlich immer geistig abwesend war.  Ich fühle mich jetzt regelrecht etwas „schlauer“.

Was hätte ich aber getan, wenn mein Arzt gemeint hätte, ich bräuchte kein Medikament, ich müsse es mit den anderen Möglichkeiten probieren? Ich hätte wohl nie erfahren, wie sich mein Leben vereinfachen konnte. Wahrscheinlich hätte ich mich in Psychotherapien abgemüht, die langfristig eher wenig gebracht hätten.

Die Kernfrage, die sich mir deshalb aufdrängt, ist: Kann man es moralisch verantworten, dass ein diagnostizierter ADHS-Patient nur einen Teil der möglichen Therapien bekommt? Habe ich mit bestehender Diagnose nicht das Recht, zu erfahren, wie die Welt für mich mit Medikamenten aussieht, um mich dann selbst dafür oder dagegen zu entscheiden (nach ausführlicher Aufklärung über die Risiken)?

Dass man bei Kindern mit Medikamenten zurückhaltender ist, verstehe ich. Deshalb verstehe ich auch, dass man bei Kindern Auslassversuche unternimmt. ADHS kann ja auch noch im Laufe der Zeit „verschwinden“, passiert nicht oft, aber das gibt es ja. Aber auch nicht jeder erwachsene ADHSler bekommt zwangsläufig mit seiner Diagnose auch ein Medikament.  Meiner Meinung nach hat jedoch jeder das Recht, die eigenen Ressourcen so gut wie möglich zu nutzen. Keiner sollte durch eine restriktive Verschreibung daran gehindert werden.

Ich weiß, das ist jetzt eine klare Bekenntnis zu den oft kritisierten Medikamenten. Gerade bei der Stimulanzientherapie ist aber bei angemessener Anwendung eine Kritik kaum noch berechtigt. Es werden weit jüngere und nebenwirkungsreichere Medikamente täglich verschrieben, ohne dieses negative Echo in den Medien. Und wenn ich noch einen Vergleich heranziehen darf: Bei einem Schmerzpatienten würde auch niemand sagen: „Sie bekommen keine Schmerzmittel, dazu sind Ihre Schmerzen noch nicht stark genug“, oder?

13 Gedanken zu “Habe ich ein Recht auf meine Pillen?

  1. Das Du da von mir 100 % Zustimmung erhältst war wohl klar ;-)! Was ich auch zu bedenken geben mag:

    Es gibt MPH und dieses wirkt bei ca. 75% – 80% der ADHSler, man weiß das es keine Langzeitschäden gibt, da es über 50 Jahre auf dem Markt ist, wer darf sich das Recht herausnehmen und einem Kind diese Behandlung verwehren und von ihm verlangen, dass es sich erst „nur“ mit verhaltensterapeutischen Methoden rumquält! Und das ist ein Quälen für alle Betroffenen! Quälen und des Quälenwillens? Ich sehe da keinen Sinn, man sollte es dem Kind doch so einfach wie möglich machen und ihm die gleichen Chancen geben wie andere Kinder sie auch haben!

  2. Im Prinzip ist es eine Kosten-Nutzen-Abwägung. Und ich bin überzeugt, dass auch bei einem leichtgradigen ADHS der Nutzen die „Kosten“ in Form von Nebenwirkungen deutlich übersteigt, da diese häufig nach ein paar Wochen verschwinden und in der Regel nicht als schwerwiegend anzusehen sind. Süchtig machen Stimulanzien als Tabletten und bei Einhaltung der therapeutischen Dosis nicht. Die Vermutung, dass sie Parkinson hervorrufen, wurde widerlegt (die Studie bezog sich sowieso nur auf Ratten). Die Appetitminderung könnte evl. problematisch werden, ist aber meistens nicht sehr stark ausgeprägt.

    Es gibt sicher ADHSler, die ihr ADHS mit ihrer Intelligenz einigermaßen kompensieren können. Aber trotzdem erfordert die Bewältigung von ADHS dann einen großen Anteil an Aufwand und Anstrengung. Kraft, die ein Nichtbetroffener mit gleicher Intelligenz gar nicht aufbringen muss und z. B. in seine Selbstverwirklichung, Hobbys etc. stecken kann. Und deshalb wäre es ungerecht, wenn aus der vielleicht vorhandenen Intelligenz am Ende noch ein Nachteil erwachsen würde, weil man sagt, er schafft es auch ohne Medis. Mal ganz abgesehen von der möglichen Entwicklung von Spätfolgen.

    Deshalb sollte es eben (zumindest bei Erwachsenen) die Entscheidung des Patienten sein, ob er Medikamente in Anspruch nimmt.

  3. Aber selbstverständlich hast Du ein Recht auf Deine Pillen. Wenn Du sie brauchst und sie Dir gut tun solltest Du sie schlucken.
    Dann solltest Du auch dankbar, für die Leute sein, die sich viele Gedanken und Überlegungen gemacht haben, damit Du Dir jetzt ein leichtertes Leben machen kannst.
    Mir erschließt sich nur nicht ganz, was Dir das Leben so schwer macht oder gemacht hat ohne Pillen.

    Als ich beim Todesfall meines zuletzt verstorbenen Bruders ziemlich viel und heftig geweint habe, hat mir mein Arzt Onkel Psychopharmaka verschrieben. Mit dieser Einnahme verschwanden zwar die Tränen aber gleichzeitig auch mein Gefühl mit dem Leben verbunden zu sein.
    Daraufhin habe ich für mich beschlossen keine Tabletten mehr zu nehmen. Dies habe ich bis vor ein paar Jahren konsequent durchgehalten bis mir versichert wurde, dass die Medikamente in diesem Fall Antidepressiva nicht mehr solche Hammer wären wir noch vor 20 Jahren. Dann habe ich einige Zeit das Zeug geschluckt und seit einiger Zeit wieder abgesetzt. Ich muss nicht mehr funktionieren und will es auch gar nicht.

  4. @rotegräfin: Du wirst mich nicht davon überzeugen, dass es besser wäre, bei ADHS keine Medikamente einzunehmen. Also versuch’s gar nicht erst! Du hast Deine Einstellung dazu, ich hab meine. Und wenn die nicht zusammenpassen, dann geht die Welt auch nicht unter. Wir müssen keinen Konsens finden. Und es ist schade, dass ich das jetzt sagen muss, aber ich kann Dich immer noch auf die Spamliste setzen, dann erscheint hier nix mehr von Dir.

    Zum Thema:
    Das gute an den Psychopharmaka, die bei ADHS eingesetzt werden, ist, dass sie die Persönlichkeit eines Menschen nicht verändern. Leider ist das ein Punkt, vor dem einige Angst haben. Manche fragen sich: Was wird mit meiner Kreativität? Bleibe ich noch derselbe? usw.

    Was mich selbst betrifft, kann ich sagen, dass ich als Person genau derselbe geblieben bin, der ich vor der Medikation war. Nur dass das Leben jetzt einfacher für mich ist, weil ich mir nicht immer selbst ein Bein stelle. Ich kann besser auf mein Umfeld eingehen und reagiere nicht mehr so übertrieben dünnhäutig. Auch kann ich meine Mitmenschen besser verstehen. Aber meine Überzeugungen, Einstellungen, Hobbys, Lieblingstätigkeiten, Vorlieben, mein Geschmack, Lieblingsessen etc. – alles geblieben. Deshalb fühl ich mich auch, wie der Mensch, der ich schon immer war.

  5. Diese Erfahrung @tigger decken sich mit meinen, was MPH betrifft! Sowohl bei mir als auch bei meinem Sohn. Es läuft einfach besser!

    Was die Gräfin betrifft muss ich Dir auch recht geben, es nervt nur noch und ich habe heute auch schon in Richtung Spamknopf gezuckt. Soll sie Ihre Mission woanders vollbringen. Ich habe keine Lust und Nerven diesen Summs immer zu kommentieren und unkommentiert möchte ichs nicht stehen lassen.

    Achter, gell Du hast Sie schon auf der Spamliste, gibs zu, bei Dir hat sie Ruhe gegeben😉

  6. Diese Erfahrung @tigger decken sich mit meinen, was MPH betrifft!

    Und ich kann das auch von einigen der Substanzen sagen, die man alternativ zu MPH oder zusätzlich dazu einsetzt (z.B. D-Amphetamin, dual wirksame Antidepressiva, Bupropion – natürlich in therapeutischer Dosierung).

  7. Meinst Du SSRI oder trizyklische Antidepressiva oder beides? Erlaubt ist, was einem das Leben einfacher macht. (in therapeutischer Dosis und jenseits von Drogen versteht sich)

  8. Ich meinte die sog. SNRI, also Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (Venlafaxin, Duloxetin). Die helfen gut gegen eine hohe „Reizoffenheit“ und Impulsivität. Mir hilft das letztere besser (Cymbalta), wahrscheinlich, weil es noch ein wenig stärker aufs Noradrenalin wirkt. SSRI und trizyklische AD hab ich noch keine bekommen.

  9. >Achter, gell Du hast Sie schon auf der Spamliste, gibs zu, bei Dir hat sie Ruhe gegeben

    Bei mir gibt sie Ruhe, das ist richtig.

  10. Hallo tigger,

    Ich bin dafür verantwortlich was ich geschrieben habe, nicht dafür was Du verstehst.

    Ich gestehe mir zu, dass ich ein anderer Mensch bin als Du und gleiches gestehe ich Dir auch zu.

    Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, wo ich in irgendeiner Weise davon zum Ausdruck gebracht habe, dass es besser wäre keine Medikamente zu nehmen. Im Gegenteil ich habe gefragt, dass es sich mir nicht ganz erschließt, warum Du welche nimmst.
    Jetzt in den nachfolgenden Kommentaren wird es mir deutlicher und ich komme zu dem Schluss doch mal wieder für einige Zeit die Pillen zu schlucken.

  11. Jetzt in den nachfolgenden Kommentaren wird es mir deutlicher und ich komme zu dem Schluss doch mal wieder für einige Zeit die Pillen zu schlucken.

    Also wie Du hier siehst, hab ich (und einige andere auch) ganz gute Erfahrungen damit gemacht. Wichtig ist natürlich immer, dass die Diagnose stimmt. Das kann insofern schwierig werden, dass es nicht viele Ärzte in Dtl. gibt, die sich mit ADHS bei Erwachsenen auskennen. Und viele wissen noch nicht, dass ADHS meistens ein Leben lang bestehen bleibt. Aber die Situation bessert sich.

    Also gut wäre ein Spezialist (Psychiater), der zunächst mal eine Diagnose stellt und andere dabei ausschließt (sofern das nicht schon geschehen ist). Und der wird Dich dann beraten, ob und welche Medikation für Dich die geeignetste ist.

    Es ist eigentlich egal, ob man nun an die genetischen Ursachen glaubt oder nicht. Die Medis helfen trotzdem. Und wenn es medizinisch betreut wird, dann sind sie eigentlich ungefährlich. Außerdem erleichtern sie auch eine Psychotherapie, schon weil man besser zuhören kann.

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