Ein Leben mit ADHS – die Welt anders sehen und begreifen: Vergesslichkeit und Arbeitsgedächtnis

Eigentlich wollte ich erst beim nächsten Mal darüber schreiben, aber ich hab das Thema einfach mal vorgezogen. Es geht um das Symptom, das ich für eines der schwerwiegendsten halte, weil es zu starken Einschränkungen im täglichen Leben führt: „Arbeitsspeicher“ bzw. Vergesslichkeit.

Tatsächlich spricht man auch beim menschlichen Gedächtnis von einem Arbeitsspeicher – ein Wort, das man ja eigentlich eher aus der Computertechnik kennt. Arbeitsspeicher bedeutet das Gedächtnis, das die Informationen im Bewusstsein behält, die für das aktuelle Tun und Handeln wichtig sind. Z. B. die Information, zu erst einen Brief zu schreiben, danach ihn ins Couvert zu stecken und dann eine Briefmarke drauf zu kleben. Der Arbeitsspeicher (oder besser das Arbeitsgedächtnis) sorgt dafür, dass man dabei nicht durcheinander kommt.

Und leider funktioniert genau das bei AD(H)S nicht richtig. Das ist auch ein wichtiger Grund, warum ADHSler häufig durcheinander geraten. Im Alltag macht sich das z. B. dadurch bemerkbar, dass man öfter den roten Faden verliert in einem Gespräch; schnell vergisst, was man sagen wollte; losläuft, um etwas aus einem anderen Zimmer zu holen und dort angekommen nicht mehr weiß, was es war (klingt zwar komisch, ist aber so).

Diese Vergesslichkeit führt auch dazu, dass man Verabredungen vergisst, was dann häufig so interpretiert wird, als sei die Verabredung für den Betroffenen nicht wichtig und er hat sie aus Desinteresse vergessen. Viele Betroffenen versuchen ihr geringes Arbeitsgedächtnis zu kompensieren, indem sie sich permanent kleine Zettel schreiben, um geplante Alltagstätigkeiten zu notieren. Oft verschwindet allerdings auch diese Notiz im Chaos.

Auch typisch ist es, dass man Gegenstände sucht, die man eben erst in der Hand hatte, weil man vergessen hat, wo man sie hingelegt hat. Die Bedeutung des Gegenstandes spielt dabei keine Rolle.  So kommen manchmal auch wichtige Dokumente oder wertvolle Dinge abhanden. Wenn Ihr also jemanden kennt der ständig Sachen verschludert oder häufig nach irgendwelchen Alltagsgegenständen sucht, dann könnte möglicherweise ein ADHS bei dieser Person vorliegen.

Das geringe Arbeitsgedächtnis trägt auch dazu bei, dass ADHSler nicht richtig zuhören können. Denn wenn jemand einen längeren Satz sagt (vielleicht noch etwas verschachtelt), dann hat ein ADHSler oft Schwierigkeiten, nicht den Satzanfang zu vergessen. Für einen Außenstehenden mag das skurril anmuten, es ist aber tatsächlich der Fall.  Umso schwieriger sind manchmal die Gespräche unter ADHSlern. Bei einem älteren Menschen könnte man hierbei durchaus auch an eine Demenz denken, wenn die Symptomatik nicht schon das gesamte Leben hindurch bestehen würde. Tatsächlich haben viele Betroffene das Gefühl, als seien sie an „vorzeitiger Demenz“ erkrankt.

Dass ein geringes Arbeitsgedächtnis (neben den Konzentrationsstörungen) zu Schwierigkeiten beim Lernen führt, ist auch verständlich. Schließlich kann man dadurch nur eine begrenzte Anzahl an Fakten aufnehmen, ohne einen davon gleich wieder zu vergessen. Da das Arbeitsgedächtnis nicht richtig funktioniert, gelingt auch seine Kommunikation mit der „Festplatte“, also den Zentren des Gehirns, die Wissen abspeichern, nicht richtig. Das erklärt, warum gerade aufgenommene Fakten schlechter im Langzeitgedächtnis behalten werden können. Ebenso kann Gelerntes häufig nicht abgerufen werden, was durch den Stress einer Prüfungssituation dann noch verschärft wird. Das „Laden“ in den Arbeitsspeicher versagt in so einem Moment. Typischer Satz eines Betroffenen: „Ich weiß es, aber mir fällt es gerade nicht ein.“ Klar kennt das Jeder, aber es ist auch hier wieder das Ausmaß, das es zu einer Störung macht.

Häufig beschreiben Betroffene das Gefühl, schnell den Überblick über eine Situation zu verlieren und sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Auch ein Grund, warum Zimmer oder Schreibtische von ADHSlern oft unordentlich aussehen. Nicht diesen „Tunnelblick“ zu haben, ist aber vor allem in Situationen wichtig, in denen Überblick gefordert ist, um eine sinnvolle Handlungsstrategie zu entwickeln. Andererseits sind ADHSler in gefährlichen Situationen häufig diejenigen, die schnell und sinnvoll handeln, während Andere erst einmal kopflos sind. Meine eigene Vermutung ist es, dass in einer solchen Situation stressbedingt die Stimulation im Gehirn auftritt, die ADHSler auch sonst häufig suchen (z. B. in Extremsportarten), so dass dadurch kurzzeitig der Pegel an Neurotransmittern zwischen den Nervenzellen entsteht, der zu einer adäquaten Hirnfunktion in stressfreien Situationen nicht erreicht wird.

Nun also dann das nächste Mal: Impulsivität und emotionale Labilität

10 Gedanken zu “Ein Leben mit ADHS – die Welt anders sehen und begreifen: Vergesslichkeit und Arbeitsgedächtnis

  1. Und leider funktioniert genau das bei AD(H)S nicht richtig. Das ist auch ein wichtiger Grund, warum ADHSler häufig durcheinander geraten. Im Alltag macht sich das z. B. dadurch bemerkbar, dass man öfter den roten Faden verliert in einem Gespräch; schnell vergisst, was man sagen wollte; losläuft, um etwas aus einem anderen Zimmer zu holen und dort angekommen nicht mehr weiß, was es war (klingt zwar komisch, ist aber so).

    It´s me! 😆 Man kommt sich so richtig bescheuert vor, wenn man vor der Gefriertruhe steht und nicht mehr weiß, was man da eigentlich wollte! I

    Ich will einen Memory Stick mit mindestens 10 Gigabyte!

  2. 🙂
    Ja, oder sich gleich ein paar GB Arbeitsspeicher einpflanzen lassen. Ich würd’s machen, wenn’s ginge.

    Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen. Wenn man dann immer noch umsonst Treppen gestiegen ist, nervt das gewaltig.

  3. An was ich mich noch lebhaft im Mathematikunterricht erinnern kann: Wenn kompliziert wurde, hatte ich immer regelrecht das Gefühl, mein Kopf würde platzen, weil die vielen Unbekannten oder Zahlen dort einfach nicht genug Platz fanden. Irre, genau so fühlte sich das an… und war es ja eigentlich auch.

    Oder manchmal regelrechte Wortfindungsstörungen. Das nervt ungemein…

  4. ..Ja das kenn ich zur Genüge.(hab selber ADS) Da nimmt man sich was vor und dann vergisst man unterwegs, warum man nochmal losgelaufen war.
    Bei mir ist es so, das die anderen meine Gedankengänge meist nicht nachvollziehen können, wenn ich gerade im Hyperfokus bin, dann Gaffen selbst die Lehrer einen Dumm an.

    Diese Vergesslichkeit führt auch dazu, dass man Verabredungen vergisst, was dann häufig so interpretiert wird, als sei die Verabredung für den Betroffenen nicht wichtig und er hat sie aus Desinteresse vergessen.

    Ja das ist immer so Blöd wenn mein Nachbar bei mir Anruft und fragt, ob ich zu ihn rüberkömmen möchte, dann sag Ich meistens „Ja ich komme, gleich in ca. 10 Minuten“
    Aber manchmal vergesse ich das einfach.

    Nun ja ich habe meinen Nachbar schon gesagt das ich wegen ADS sehr viel vergesse und das nicht daran liegt das ich ihn nicht mag oder so, aber er versteht das einfach nicht, Ich Vermute, er glaubt, das wenn man ADS hat, das nach ein paar Tagen alles wieder vorbei ist und alles völlig normal ist.

    ..Was anderes; Können eure Freunde euch auch immer so schnell Umstimmen wenn es um irgendwelche Angelegentheiten geht? Meine mich schon…

    @ Wortfindungsstörungen, das hab ich dauernd wenn ich im Gespräch zuwischen anderen Mitschülern bin, meistens fällt mir dann nichts passendes in dem Augenblick ein und wenn dann hat es entweder ein anderer so ähnlich schon gesagt oder die derzeitige Situation wurde geändert.. das was ich hier geschrieben habe war lediglich die spitze des Eisberges, aber das wisst ihr ja sicherlich aus eigener Erfahrung, wie man sich in einer solchen Situation dann fühlt.
    ..
    Habt ihr auch hochbegabt bzw. habt einen überdurchschnittlichen IQ? Wenn man dem letzten IQ test von mir Glauben darf, hab ich einen IQ von 140… naja das war erstmal von mir. BB
    PS: Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  5. Hallo Mr. Chaos und willkommen auf meinem bescheidenen Blog,

    ich finde es immer sehr ärgerlich, wenn die Umwelt einem aufgrund seiner ADS-bedingten Fehler Desinteresse unterstellt. Oft genug bekomme ich den empörten Vorwurf zu hören: „Du hörst nicht zu!“ Als ob das Absicht wäre. Viele Menschen sind dann beleidigt. Ich kann’s zum Teil auch verstehen, will man doch selbst, dass einem zugehört wird, wenn man was Wichtiges zu sagen hat. Trotzdem: die Welt muss sich daran gewöhnen, dass es Menschen gibt, für die zuhören nicht so leicht ist. 🙂

    Zum Thema Hochbegabung: Die Tests im Internet sind sehr unterschiedlich und auf viele davon darf man nicht allzu viel geben. In manchen davon habe ich die Grenze zur Hochbegabung und auch zur Höchstbegabung deutlich überschritten, in manchen liege knapp drunter. Bei Psychologen oder auch beim Mensa e. V. gibt es seriöse Tests. Ich werde irgendwann mal einen bei Mensa machen, aber erst, wenn ich mich Medi-mäßig richtig eingestellt fühle (sonst kann man das Ergebnis auch nicht wirklich verwerten), denke ich. Letztendlich ist der IQ aber auch nur eine Zahl, und es stellt sich für mich die Frage, ob der IQ wirklich sämtliche Arten von Intelligenz misst – wahrscheinlich nicht.

    LG

  6. Ja hallo, wer war denn da am 4. Juni 2013 @ 11:46 so unterwegs und erst noch ohne Absender? (k)ein ADHS’ler, oder?

    Bei den IQ Test’s bleibt auf jeden Fall etwas auf der Strecke, nämlich die
    Sozial- und Emotional-Kompetenz, sucht euch aus was in eurem Leben wichtig sein soll.

    Dann denke ich ausserdem, dass nicht ADHS‘ ler (vor allem solche die keine ADHS’ler in ihrem Freundeskreis haben) meistens denken wir wūrden ihnen etwas vormachen, also dass wir simulieren und dass es ADHS eigentlich gar nicht gibt und das ist einfach nur BEMÜHEND! (Das gleiche Problem hatten wir vor 20 Jahren mit der Depression. Alle die deswegen nicht mehr arbeiten konnten waren Simulanten). Das stressreduzierte Leben findet ihr bei eures gleichen 🙂

    Liebe Grūsse an alle gleichgesinnten, Adessi

  7. Hallo zusammen,
    ich bin selber ADHSler und komme mittlerweile sehr gut damit zu Recht. Mein näheres Umfeld auch, aber gerade in der Pubertät war es sehr schlimm, da das Wort Zappelphilipp extrem gepasst hat und nahezu täglich in Verbindung mit mit genannt wurde.
    Das mit dem Vormachen wie es Karin sagt kenne ich auch zu genüge…
    Das mit dem Simulieren ebenfalls, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran und gibt diesen Kommentaren einfach keine Gewichtung mehr…

    Beste Grüße und eine tolle Vorweihnachtszeit

    Ute

  8. Hallo.
    Toll!
    Trifft es genau

    Wussste nicht das es das wort rededurchfall wirklich gibt :-).
    Benutze es auch sehr oft.
    Freue mich auf den nächsten bericht.

  9. Bei mir wurde vor 4 Wochen ADS diagnostiziert nach langen drängen von mir und nach dem ich mich mal intensiver mit dem Thema beschäftigt habe. Seit ich mich mehr mit dem Thema befasse ist es sehr befreiend, auch wenn man darauf nicht wirklich Einfluss nehmen kann (ausser medis). Bei mir ist es mit dem Gedächtnis nicht so das es komplett vergesse viel mehr ist es wie ein Buch ohne Inhaltsverzeichnis und Struktur (Assoziation) das wild umherblättert. Was ich mal gehört hab ist nicht weg nur nicht mehr auffindbar und wird dann unter umständen Jahre später wieder bei einem Trigger zum Thema aktiv.

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