„Entschuldigung, ich glaube, Du hast ADHS!“

Durch meine eigene Betroffenheit bin ich natürlich inzwischen relativ gut informiert über das Thema ADHS. Und so passiert es mir recht häufig, dass ich Menschen begegne, bei denen ich ebenfalls ADHS vermute. Zum Beispiel gab es während eines Praktikums im Krankenhaus einen Arzt, der deutlich hyperaktiv war, sehr schnell einen gestressten Eindruck machte und mit vielen seiner Mitmenschen aneinander geriet, weil er hinter vielen Aussagen schnell Kritik vermutete und auf diese vermeintliche Kritik impulsiv reagierte. Oder auch wenn ich an manche ehemaligen Mitschüler oder Kommilitonen denke, dann könnte ich bei dem einen oder anderen ebenfalls ein ADHS vermuten.

Das Problem dabei ist, dass diese Menschen meistens nichts über ADHS wissen oder aber gar nicht auf die Idee kommen, dass es sie selbst betreffen könnte, weil sie ADHS für eine Störung halten, die nur bei Kindern vorkommt. Oftmals sind sie sich auch nicht aller ihrer Probleme bewusst, geschweige denn, dass sie sich vorstellen könnten, dass es Hilfe für ihre Schwierigkeiten gäbe. Und vor allem bei den „Hypoaktiven“ kommt keiner auf die Idee, dass irgendwas mit ihnen nicht stimmt, weil ihre Beeinträchtigungen kaum jemandem auffallen.

ADHS ist häufig, und deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich meine Vermutungen bewahrheiten würden, sollten sich diese Personen einer Diagnostik unterziehen. Schon die Beschäftigung mit dem Störungsbild an sich kann Erleichterung schaffen. Sollte eine Therapie angezeigt sein, könnten sie erheblich von einer fundierten Diagnose profitieren.

Und genau dieses Wissen führt mich in ein kleines Dilemma: Denn ich kann nicht einfach zu jemandem hingehen und sagen: „Hey, ich glaube, Du hast ADHS!“. Das würde ihn vor den Kopf stoßen. Einerseits möchte ich den potentiellen ADHSlern helfen, andererseits möchte ich niemandem zu nahe treten oder ihn verprellen. Da ADHSler bekanntermaßen sehr empfindlich sein können oder solche gut gemeinten Hinweise schnell mal in den falschen Hals bekommen, ist es nicht leicht, die richtigen Worte/den richtigen Zeitpunkt zu finden. Und wenn man dann noch mit demjenigen weiterhin zusammenarbeiten muss, kann so etwas das Arbeitsklima erheblich belasten.

Wie also macht man es richtig? Ich gebe zu, darauf habe ich noch keine Antwort gefunden. Deshalb habe ich bis jetzt auch noch niemanden auf sein mögliches ADHS angesprochen.

3 Gedanken zu “„Entschuldigung, ich glaube, Du hast ADHS!“

  1. Ich kenne dieses Dilemma sehr gut, unter Erwachsenen und auch bei Kindern, denn meistens ziehen sich ADS’ler ja an, sprich, meine Kinder finden garantiert andere Kinder, die ähnlich ticken, und ich sammle auch oft Chaoten😉.

    Es fällt mir sehr schwer, nichts zu sagen, aber ich halte mich inzwischen so lange wie möglich zurück. Nur, wenn die Mütter sich bei mir ausweinen, und wenn der Draht zueinander sehr gut ist, spreche ich sie direkt darauf an. Bei anderen mache ich das sozusagen indirekt, indem ich von meiner eigenen Familie, den typischen Situationen und „meinem“ ADS-Verein erzähle.

    Meine Kinderärztin hat mir auch schon (bei vorheriger Rücksprache natürlich) die eine oder andere Mutter geschickt, die ich dann getröstet und mit Adressen versorgt habe. Meistens hat sich der Verdacht bestätigt, man hat das ja doch als Betroffener ein bißchen im Gefühl – aber das ist natürlich KEINE Diagnose, bitte nicht missverstehen !

    Kinderlose ADS-verdächtige Erwachsene anzusprechen ist sehr viel schwieriger, denn oft haben sie sich ihr Leben bereits irgendwie eingerichtet und wären eher beleidigt, würde man sie zum Psychologen schicken.

    Ganz schwer finde ich es aber, wenn das ADS sehr offensichtlich ist, die Betroffenen aber jede Diagnostik verweigern. Ich habe im Bekanntenkreis einen erwachsenen Hypo, der mit Alkohol eine üble Selbstmedikation betreibt, und ich kann seit Jahren nur zuschauen, wie es bergab geht (nach außen hin ist es noch nicht sichtbar, aber es wird nicht mehr lange funktionieren), und ich kenne ein ADS-Kind, bei dem die (intelligenten und gut gebildeten) Eltern schlicht sagen, egal, wie die Sache heißen mag, das Kind braucht keinen Seelenklemptner, das ist nur faul und bockig und wird wohl immer noch nicht streng genug erzogen.

    Da fühle ich mich sehr hilflos und habe schlaflose Nächte, denn das Kind steht mir sehr nahe😦

  2. „Nur, wenn die Mütter sich bei mir ausweinen, und wenn der Draht zueinander sehr gut ist, spreche ich sie direkt darauf an. Bei anderen mache ich das sozusagen indirekt, indem ich von meiner eigenen Familie, den typischen Situationen und “meinem” ADS-Verein erzähle.“
    Keine schlechte „Strategie“. Klappt nur leider nicht bei jedem und auch nicht Arbeitskollegen.

    „Kinderlose ADS-verdächtige Erwachsene anzusprechen ist sehr viel schwieriger, denn oft haben sie sich ihr Leben bereits irgendwie eingerichtet und wären eher beleidigt, würde man sie zum Psychologen schicken.“
    Ja, genau das ist das Problem. Es ist ja schon schwer, andere Familienmitglieder für das Thema zu sensibilisieren. Und sehr gerne werden die Ursachen für Probleme anderen Personen zugeschrieben, nur nicht sich selbst.

    „Ich habe im Bekanntenkreis einen erwachsenen Hypo, der mit Alkohol eine üble Selbstmedikation betreibt, und ich kann seit Jahren nur zuschauen, wie es bergab geht […]“
    Sowas ist echt traurig, weil man eigentlich ja helfen könnte, würde die Hilfe auch angenommen werden.

    „[…] und ich kenne ein ADS-Kind, bei dem die (intelligenten und gut gebildeten) Eltern schlicht sagen, egal, wie die Sache heißen mag, das Kind braucht keinen Seelenklemptner, das ist nur faul und bockig und wird wohl immer noch nicht streng genug erzogen.“
    Grausam! Und total bescheuert! Da kann man dem Kind nur wünschen, dass es irgendwann später mal selbst darauf kommt, dass es ADHS haben könnte.

    Man könnte fast denken, ADHS sei eine schwere Krankheit, die unvorstellbares Leiden hervorruft, wenn man das hört. Die Menschen scheinen riesige Angst davor zu haben. Wovor auch immer genau. Möglicherweise auch vor Stigmatisierung. Dass mit ADHS ein Leiden verbunden sein kann, ist klar. Aber gerade deshalb sind Information und adäquate Hilfe so wichtig. Schließlich lässt es sich in den meisten Fällen sehr gut therapieren. Also nix, wovor man wirklich Angst haben müsste!

  3. ADHS ler erkennen sich untereinander… Hab ich schon immer gesagt… Komischerweise scheinen sie sich auch gegenseitig zu vernetzen…
    Ich habe inzwischen gelernt, die ADHS nicht als Problem, sondern vielmehr als Chance zu sehen, weil ich in der Lage bin, vernetzt zu denken…

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s